Darmmikrobiom: 102 Wechselwirkungen zwischen Süßstoffen und anderen Stoffen
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 07:35 Uhr | Redaktion boerse-global.deLaboranalysen und klinische Beobachtungsstudien liefern neue Einblicke in die komplexen Wechselwirkungen zwischen Süßungsmitteln und den im Darm angesiedelten Bakterienstämmen. Eine Laborstudie der Universität Cambridge untersuchte die Wirkung von 39 Süßstoffen auf 25 verschiedene Arten von Darmbakterien. Dabei zeigte sich, dass 26 der 39 getesteten Stoffe das Wachstum von mindestens einer Bakterienart veränderten.
Wechselwirkungen im Labormodell
In der im Fachjournal Molecular Systems Biology publizierten Arbeit wurden zudem 3.900 Kombinationen der Süßstoffe mit Koffein, Vanillin, Advantam sowie acht Medikamenten analysiert. Die Forscher erfassten 102 signifikante Interaktionen, von denen 34 eine verstärkte und 68 eine abgeschwächte Wirkung aufwiesen.
Unter den Einzelsubstanzen wirkte Isosteviol auf vier Stämme, wobei das Wachstum bei drei Stämmen gehemmt und bei einem gefördert wurde. Dieser Stoff ist nicht mit den aus Stevia gewonnenen Steviolglykosiden gleichzusetzen.
In Kombination mit dem Antidepressivum Duloxetin hemmte Isosteviol die Arten Roseburia intestinalis sowie Parabacteroides merdae stark und senkte die mikrobielle Diversität im Modellmikrobiom. Der Überstand dieser Kombination erwies sich zudem als toxischer für HeLa-Zellen und veränderte die Zytokine IL-6 und IL-8 in Caco-2-Zellen.
Duloxetin allein hemmte im Versuch 7 von 25 Stämmen. Bei Saccharose, Fruktose, Aspartam, Xylitol und Erythritol wurde die Hemmung von jeweils einem Stamm beobachtet, während für Laktose und Sucralose kein derartiger Effekt nachgewiesen werden konnte. Direkte Aussagen zu gesundheitlichen Folgen beim Menschen lassen sich aus diesen Laborergebnissen nicht ableiten.
Zusammenspiel mit Antibiotikatherapien
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Einen klinischen Blickwinkel eröffnet eine im September erschienene Nature-Studie von Anqi Dai und weiteren Forschenden. Das Team untersuchte 9.419 Mahlzeiten von 173 hospitalisierten Blutkrebspatienten, die sich einer hämatopoetischen Stammzelltransplantation unterzogen hatten.
Die Hauptanalyse verknüpfte die Essensprotokolle von 158 Teilnehmenden mit 1.009 Stuhlproben, wobei die Nahrungsaufnahme der jeweils zwei Tage vor der Probennahme betrachtet wurde.
Unter der Verabreichung von Breitspektrum-Antibiotika war ein höherer Zuckerkonsum mit einer geringeren mikrobiellen Diversität sowie einem vermehrten Auftreten von Enterococcus faecium assoziiert. Ohne den Einsatz dieser Medikamente zeigte sich dieser Zusammenhang nicht in gleicher Weise.
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Berechnungen mittels Bayes-Inferenz ergaben, dass die Alpha-Diversität je 100 g zusätzlichem Zucker in den 48 Stunden vor der Antibiotikagabe um weitere 21 % sank. Eine zweite Auswertung derselben Probenzahl von 158 Patienten ergab je 100 g zusätzlichem Zucker nach der Antibiotika-Exposition eine zusätzliche Reduktion der Bakterienvielfalt um 24 %.
Als Hauptursache des Zuckerkonsums wurden formulierte Getränke wie Sportdrinks oder Ernährungsshakes identifiziert, nicht natürlich vorkommender Zucker. In begleitenden Mausversuchen mit dem Antibiotikum Biapenem führte der Zusatz von Sucrose zu einem 16,3-fachen Anstieg der Enterokokken am dritten Tag und zu einem 33,4-fachen Anstieg am sixth Tag.
Einordnung der Evidenz
Enterococcus faecium kann schwer behandelbare Infektionen hervorrufen. Als Einschränkung der Untersuchung gilt jedoch, dass die Verabreichung von Antibiotika aus klinischem Bedarf erfolgte, womit eine Beeinflussung der Daten durch die Schwere der Grunderkrankung möglich bleibt.
Tove Fall, Professorin für Molekulare Epidemiologie an der Universität Uppsala, bezeichnete das Ergebnis zwar als plausibel, forderte jedoch eine Bestätigung in weiteren Untersuchungen. Eine Übertragbarkeit auf herkömmliche Infektionen bestehe aufgrund der spezifischen Patientengruppe mit Breitspektrum-Antibiotika und immunsuppressiven Medikamenten nicht.
Dr. van den Brink verwies darauf, dass für Probiotika keine solide Evidenz vorliege, eine Zuckerreduktion im Vergleich dazu jedoch unproblematisch und leicht umsetzbar sei. Ein Anlass, medizinisch verordnete Supplemente abzusetzen, besteht laut den Daten nicht; auch der Zusammenhang zwischen Antibiotika und Mortalität nach Konsumgruppen bleibt bislang unklar.
