Darmflora: Geringere Vielfalt erhöht Gebrechlichkeit bei älteren Frauen
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 13:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Erforschung des menschlichen Mikrobioms hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung für die Geriatrie gewonnen. Aktuelle Untersuchungen und Langzeitstudien verdeutlichen, wie eng die Zusammensetzung der Darmflora mit der körperlichen Verfassung und dem biologischen Alter verknüpft ist. Dabei rückt insbesondere der Zusammenhang zwischen der mikrobieller Vielfalt und der sogenannten Gebrechlichkeit (Frailty) in den Fokus der Wissenschaft.
Erkenntnisse zur mikrobieller Diversität bei älteren Frauen
Eine im Juli 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und der gesundheitlichen Verfassung bei 2.081 schwedischen Frauen im Alter zwischen 75 und 80 Jahren.
Die Probandinnen stammten aus der sogenannten SUPERB-Kohorte. Die Forscher stellten fest, dass eine höhere Gebrechlichkeit, gemessen am Frailty Mortality Index (FMI), mit einer geringeren mikrobieller Diversität sowie einer verminderten Anzahl mikrobieller Gene korreliert.
Die Analyse identifizierte insgesamt 404 Bakterienarten, die mit dem Frailty Mortality Index assoziiert sind. Diese Ergebnisse konnten zudem in einer unabhängigen chinesischen Kohorte mit 1.448 älteren Teilnehmern bestätigt werden. Die Studienautoren betonten jedoch, dass es sich hierbei um eine statistische Assoziation handelt und nicht um den Nachweis einer direkten Kausalität.
Langfristige Veränderungen und die „Microbiome Aging Clock“
Die wissenschaftliche Einordnung dieser Befunde wird durch frühere Langzeitbeobachtungen gestützt. Bereits im Jahr 2021 zeigten Untersuchungen von Wilmanski et al. an über 9.000 Menschen, dass das Mikrobiom ab dem mittleren Erwachsenenalter zunehmend individueller wird.
Während sich dieser Prozess bei gesund alternden Menschen über das 80. Lebensjahr hinaus fortsetzt, ist diese Entwicklung bei weniger gesunden Personen nicht in gleichem Maße zu beobachten.
Ergänzend dazu nutzen Forscher zunehmend Machine-Learning-Verfahren, um das biologische Alter anhand mikrobieller Profile zu bestimmen. Eine solche „Microbiome Aging Clock“, die auf über 4.000 Profilen basiert, kann das Alter mit einer mittleren Abweichung von etwa 5,9 Jahren schätzen.
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Dass das Mikrobiom aktiv den Alterungsprozess beeinflussen kann, deuteten bereits Experimente aus dem Jahr 2020 an. Damals zeigte eine Mikrobiom-Transplantation von langlebigen Menschen in Mäuse positive Effekte wie eine höhere Diversität, längere Darmzotten und eine Zunahme kurzkettiger Fettsäuren bei den Tieren.
Einfluss von Ernährung und physiologischen Umbrüchen
Besonders bei Frauen markieren die Wechseljahre eine Phase signifikanter Veränderungen. Der Abfall von Östrogen und Progesteron beeinflusst nicht nur den Knochen- und Glukosestoffwechsel sowie die Gefäßfunktion, sondern wirkt sich auch auf das Darmmikrobiom aus.
In dieser Lebensphase sinken häufig die Knochendichte und Muskelmasse, während Entzündungsprozesse und kardiometabolische Risiken steigen. Fachleute empfehlen daher eine pflanzenbetonte Ernährung mit erhöhtem Protein- und Ballaststoffanteil sowie ausreichende Bewegung, da Frauen im Durchschnitt ein Drittel ihres Lebens nach der Menopause verbringen.
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Eine groß angelegte Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) mit 7.500 Erwachsenen untersuchte in diesem Kontext zehn verschiedene gesunde Ernährungsstile, darunter die mediterrane und die nordische Diät.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass alle diese Stile mit einem langsameren biologischen Altern verbunden sind. Interessanterweise waren über 70 Prozent der beteiligten Signalwege bei allen untersuchten Diäten identisch, wobei der positive Effekt bei Rauchern am stärksten ausgeprägt war.
Neue Ansätze in der Diagnostik und Lebensmittelproduktion
Die Anwendung dieser Forschungsergebnisse in der klinischen Praxis und der Lebensmittelindustrie schreitet voran. Für den 23. September 2026 ist im Rahmen eines Fachkongresses in Frankfurt die Vorstellung des Scores „Personal-MetaboHealth“ durch Prof. Eline Slagboom von der Universität Leiden angekündigt.
Dieser Score nutzt Biomarker, um Risiken für Gebrechlichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitiven Verfall vorauszusagen. Zudem spielen laut Slagboom Genvarianten in immunbezogenen Signalwegen eine entscheidende Rolle für die Langlebigkeit.
Parallel dazu rückt die Qualität der Lebensmittelproduktion in den Fokus. Ein Forschungsprojekt der TU Graz in Kooperation mit der Bio-Marke „Ja! Natürlich“ untersucht die mikrobielle Vielfalt entlang der gesamten Lebensmittelkette.
Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen gesunden Böden, Bio-Lebensmitteln und der Darmgesundheit zu klären. Da schätzungsweise bereits die Hälfte des ursprünglichen menschlichen Darm-Mikrobioms verloren gegangen ist, wird in der Diversität der Nahrung ein Schlüssel zur Vermeidung chronischer Krankheiten gesehen.
Experten wie Prof. Martin Storr betonen in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Darmbarriere. Ein zentraler Faktor sei Butyrat, eine kurzkettige Fettsäure, die beim Abbau von Ballaststoffen entsteht und als Energiequelle für die Schleimhautzellen dient.
Zwar gelten Probiotika und Postbiotika als vielversprechend, jedoch weisen Fachleute wie Prof. W. Florian Fricke darauf hin, dass trotz wissenschaftlicher Plausibilität noch nicht alle Anwendungen von Mikrobiomtests oder Stuhltransplantationen abschließend belegt sind. Eine allgemeingültige Definition eines „optimalen“ Mikrobioms existiert bislang nicht.
