Darmerkrankungen, NOD2-Gendefekt

Darmerkrankungen: NOD2-Gendefekt und Oxalat als neue Auslöser

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschende verknüpfen NOD2-Defekte, Oxalat und REG3-alpha mit Darmentzündungen, betonen aber den noch fehlenden Nachweis für Routinetherapien.

Neue Studien zu Crohn: Immundefekt, Oxalat und Biomarker
Mikroskopische Aufnahme von biologischen Gewebeproben in einem medizinischen Forschungslabor. Illustration mit AI erstellt.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gelten seit Langem als Folge eines komplexen Zusammenspiels aus genetischer Veranlagung, Immunsystem und Umweltfaktoren.

Mehrere Forschungsarbeiten aus dem Jahr 2026 liefern nun genauere Einblicke: Sie identifizieren sowohl spezifische Immundefekte als auch die Rolle von Oxalat aus Lebensmitteln wie Spinat und Mandeln als mögliche Auslöser oder Verstärker der Entzündungen.

Genetischer Immundefekt als Ausgangspunkt

Ein Team der Temerty Faculty of Medicine der University of Toronto unter Leitung von Dana Philpott veröffentlichte in Nature Immunology eine Studie zu den Folgen von Mutationen im NOD2-Gen, die stark mit Morbus Crohn assoziiert sind.

In Tiermodellen ohne funktionsfähiges NOD2-Gen wurden weniger T-Zellen in die Lymphknoten des Darms rekrutiert, wodurch diese Tiere schlechter in der Lage waren, Folgeinfektionen abzuwehren. Der Befund wurde im Listerien-Infektionsmodell bestätigt.

Als Erklärung formulieren die Forschenden die Hypothese, dass ein NOD2-Defekt die Durchlässigkeit der Darmwand erhöht. Eine unzureichende Beseitigung kleinerer Infektionen könnte demnach zu einer überschießenden Rekrutierung von Immunzellen und in der Folge zu chronischer Entzündung führen.

Laut Tsankov erklärt dieser Mechanismus, warum Medikamente, die die Rekrutierung von Immunzellen blockieren, nur bei einem Teil der Patienten wirksam sind. Philpotts Labor arbeitet inzwischen an Strategien, um die reduzierte NOD2-Funktion auszugleichen.

Oxalat aus der Nahrung als möglicher Verstärker

Parallel dazu rückte eine im August 2026 online veröffentlichte Studie der University of North Carolina at Chapel Hill unter Leitung von Shehzad Z. Sheikh, mit Anna C. Salvador als Erstautorin und Koautoren von Texas A&M und Duke, die Rolle von Oxalat in den Fokus.

Die Substanz kommt natürlicherweise in Lebensmitteln wie Spinat, Sauerampfer, Mandeln und Süßkartoffeln vor. Bei gesunden Menschen werden nur zwischen 2 und 15 Prozent des aufgenommenen Oxalats resorbiert, der Rest wird über den Darm ausgeschieden.

Bei Crohn-Patienten fanden die Forschenden trotz vergleichbarer pflanzlicher Ernährung deutlich mehr Oxalat im Stuhl als bei Gesunden – bestätigt durch Fragebögen und DNA-Metabarcoding. Ursache dafür scheint eine verminderte Anzahl der Oxalat-Transporter SLC26A2 und SLC26A3 im Darmgewebe zu sein: Je stärker die Entzündung, desto niedriger die Transporterdichte, selbst in nicht entzündeten Darmabschnitten.

In Tierversuchen verschlimmerte eine oxalatreiche Ernährung die Colitis: Mäuse mit Colitis-Induktor und Oxalat-Zusatz zeigten eine um 60 Prozent geringere Überlebenswahrscheinlichkeit im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Bei zwei genetisch anfälligen Mausmodellen beschleunigte Oxalat zudem den Krankheitsbeginn und verschlimmerte den Verlauf, wobei die Transportergene bereits vor der Oxalat-Gabe reduziert waren.

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In Zellkulturen verstärkte Oxalat die Entzündungsreaktion von Makrophagen und dendritischen Zellen. Eine niedrige Expression des verwandten Transporters SLC26A6 war bei fast 75 Prozent der Patienten mit strikturierender, also verengender Crohn-Form zu beobachten.

Eine unabhängige Arbeit der University of Illinois aus dem Jahr 2024, veröffentlicht in Gastroenterology, hatte bereits gezeigt, dass Knockout-Mäuse ohne den Transporter SLC26A6 mehr Oxalat im Urin, mehr Nierensteine und einen schwereren Verlauf bei experimentell ausgelöster Colitis aufwiesen.

Die Autoren der UNC-Studie formulieren ihre Schlussfolgerungen bewusst im Konjunktiv. Sie sprechen keine Empfehlung aus, pflanzliche Lebensmittel generell zu meiden, sehen aber bei genetisch anfälligen Patienten möglicherweise Spielraum für eine moderate Reduktion der Oxalat-Zufuhr.

Als möglichen Therapieansatz nennen sie zudem das Mikrobiom, insbesondere das oxalatabbauende Bakterium Oxalobacter formigenes. Finanziert wurde die Arbeit unter anderem vom Helmsley Charitable Trust, dem NIDDK, der Chan Zuckerberg Initiative, Schmidt Sciences und dem Burroughs Wellcome Fund, in Kooperation mit Texas A&M und Duke.

Der europäische Fachverband ECCO empfahl 2025 in einem Konsenspapier keine einheitliche Verbotsliste für Lebensmittel, sondern eine individuelle gastroenterologische Beratung der Patienten.

Ein Biomarker zur Früherkennung schwerer Verläufe

Ergänzend dazu identifizierte ein Team der Icahn School of Medicine at Mount Sinai unter Leitung von Jennifer D. Claytor in einer Studie einen möglichen Biomarker für aggressive Krankheitsverläufe.

Hohe Serumwerte des Proteins REG3-alpha (über 30,3 Nanogramm pro Milliliter) waren demnach mit einem erhöhten Risiko für ein Fortschreiten von Morbus Crohn assoziiert – sowohl in der MSCCR-Kohorte (231 Teilnehmer, Hazard Ratio 1,9) als auch in der Leuven-Kohorte (163 Teilnehmer, Hazard Ratio 3,2), unabhängig von CRP-Wert und Endoskopiebefund.

Auch bei milder oder inaktiver Erkrankung blieb der Zusammenhang bestehen, während CRP hier keine Vorhersagekraft zeigte. In einer prädiagnostischen Kohorte mit 184 Crohn-Fällen und 89 Kontrollpersonen sagte REG3-alpha allein einen komplizierten Krankheitsverlauf bereits sechs bis zehn Jahre vor der eigentlichen Diagnose voraus.

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Einzelzell-RNA-Sequenzierungen zeigten zudem, dass sich bei Morbus Crohn ileale Paneth-Zellen zu entzündungsfördernden, hypersekretorischen Subtypen verschieben. Die Studie weist jedoch Limitationen auf: Die Teilnehmer waren überwiegend weißer Hautfarbe, in der prädiagnostischen Kohorte überwogen männliche Teilnehmer, und das Mikrobiom wurde nicht untersucht.

Einordnung

Die verschiedenen Forschungsstränge – genetische Immundefekte, ernährungsbedingte Oxalatbelastung und neue Biomarker – deuten insgesamt auf ein differenzierteres Bild chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen hin, bei dem individuelle genetische Faktoren bestimmen, wie stark einzelne Auslöser wirken.

Sowohl die UNC- als auch die Mount-Sinai-Studie betonen jedoch, dass die Ergebnisse für offizielle Ernährungsempfehlungen oder klinische Routineanwendungen noch nicht ausreichen. Weitere große Langzeitstudien gelten als notwendig, bevor sich daraus konkrete Handlungsanweisungen für Patienten oder Behandelnde ableiten lassen.

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