Darmentzündung, Flechten-Polysaccharid

Darmentzündung: Flechten-Polysaccharid lindert Colitis im Versuch

Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 06:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ein Flechten-Polysaccharid milderte experimentelle Colitis; die Forschung betont zugleich das Zusammenspiel von Pflanzenstoffen, Ballaststoffen und Darmmikroben.

Usnea-Polysaccharid lindert Colitis im Modell und beeinflusst Darmmikrobiom
Nahaufnahme einer hellen Flechte auf einem moosbewachsenen Baumstamm im Wald. Illustration mit AI erstellt.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen stellen die biomedizinische Forschung vor anhaltende Herausforderungen bei der Suche nach verträglichen und zielgerichteten Therapieansätzen.

Eine Untersuchung von Yuling Zhang, Mengyao Hu, Wenjuan Chong, Le Wang, Wenge Zheng und Kollegen liefert neue Erkenntnisse über das therapeutische Potenzial pflanzlicher Naturstoffe: Ein aus der Flechte Usnea longissima ach. isoliertes Polysaccharid kann eine Dextransulfat-Natrium-induzierte Colitis ulcerosa lindern.

Den Ergebnissen zufolge wird dieser schützende Effekt primär über die Wiederherstellung der mikrobiellen Homöostase im Darm sowie die gezielte Hemmung der entzündungsfördernden NF-?B- und PI3K-Akt-Signalwege vermittelt.

Regulierung von Entzündungssignalwegen und Schleimhautbarriere

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Zhang verdeutlichen, dass komplexe Mehrfachzucker maßgeblich in zelluläre Signalübertragungen eingreifen können. Bei der experimentell induzierten Darmentzündung führte die Gabe des Polysaccharids zu einer messbaren Dämpfung der NF-?B- und PI3K-Akt-Kaskaden, die im Krankheitsverlauf für überschießende Immunreaktionen verantwortlich sind. Gleichzeitig trug der pflanzliche Wirkstoff dazu bei, das bakterielle Gleichgewicht im Darm wieder zu stabilisieren.

Die Bedeutung der mikrobiellen Stoffwechselleistungen bei Darmentzündungen belegen parallel auch Studien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des dortigen Exzellenzclusters für Präzisionsmedizin. Forschende zeigten in miteinander verbundenen Untersuchungen, dass bei aktiver Darmentzündung wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weniger von dem Enzym QPRT gebildet wird.

In der Folge reichert sich Quinolinsäure an, während die Produktion von NAD? sinkt. Dieser energetische Engpass hemmt die Regeneration der geschädigten Darmschleimhaut. Da Darmbakterien die Tryptophan-Verarbeitung beeinflussen, erprobt die klinische Studie ORNATUS derzeit lokal wirksames Nicotinamid (Vitamin B3), um den blockierten Stoffwechselweg zu umgehen.

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Synergien von Polysacchariden und sekundären Pflanzenstoffen

Die Beobachtungen zum präbiotischen und entzündungshemmenden Potenzial von Makromolekülen decken sich mit weiteren aktuellen Übersichtsarbeiten. Ein Review des Departments für Diätetik und Bromatologie der Medizinischen Universität Breslau zeigt, dass auch Maulbeer-Zubereitungen die Zusammensetzung und Aktivität der Darmmikrobiota verändern können.

Abhängig von Art (Morus alba, Morus nigra), Pflanzenteil und Verarbeitung fördern Extrakte aus Blättern und Früchten die Bildung kurzkettiger Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat. Während Blätter 1-Deoxynojirimycin (DNJ) und schwarze Maulbeerfrüchte Anthocyanine enthalten, wiesen Wasser-Extraktionen und Pectat-Lyase-Fraktionen das stärkste präbiotische Potenzial auf.

Bei Mäusen unter Hochfettdiät zeigte die Kombination aus Polyphenolen und Polysacchariden der weißen Maulbeerfrucht stärkere Effekte auf das Mikrobiom sowie Verbesserungen im Glukose- und Lipidstoffwechsel als isolierte Einzelfraktionen.

Ergänzend dazu unterstreicht eine Übersichtsarbeit von Forschenden der University of Pennsylvania und der Jeonbuk National University in Südkorea die Schutzfunktion komplexer Pflanzenstrukturen.

Demnach schützen ballaststoffreiche Matrizen in fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut oder Kimchi Mikroorganismen und ermöglichen deren längeres Verweilen auf Schleimhautoberflächen. Die Autoren heben hervor, dass das wissenschaftliche Ziel in einer maßgeschneiderten Präzisionsernährung liege und nicht in therapeutischen Heilsversprechen.

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Gesamternährung bleibt der bestimmende Faktor

Trotz der vielversprechenden Wirkmechanismen isolierter Naturstoffe wie den Polysacchariden aus Usnea longissima mahnt die Forschung zur Einordnung der Gesamternährung.

Eine Studie des Helmholtz-Zentrums vom April 2026 verdeutlichte bei 110 gesunden Erwachsenen, dass isolierte diätetische Gaben – wie der tägliche Verzehr von Joghurt – das Mikrobiom nicht dauerhaft umbauen oder Entzündungsmarker im Blut grundlegend verändern.

Erst das Zusammenspiel funktioneller pflanzlicher Inhaltsstoffe, Ballaststoffe und mikrobieller Stoffwechselprodukte bietet eine fundierte Basis, um mikrobielle Dysbalancen und Entzündungskaskaden im Darm nachhaltig zu beeinflussen.

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