Darmentzündung, Antikörpermuster

Darmentzündung: Antikörpermuster könnten Morbus Crohn zehn Jahre vorher anzeigen

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 10:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Blutanalysen weisen frühe Immunmuster nach; ein verlässlicher individueller Vorhersagetest steht jedoch noch nicht zur Verfügung.
Ein steriler Labortisch mit einer Glasampulle vor einer unscharfen medizinischen Laborumgebung. Illustration mit AI erstellt.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa entwickeln sich oft schleichend über viele Jahre, bevor erste klinische Symptome auftreten.

Eine im Fachjournal Gut veröffentlichte und Mitte Oktober 2026 auf der Fachtagung UEG Week in Barcelona vorgestellte Untersuchung zeigt nun, dass spezifische Antikörpermuster im Blut bereits bis zu zehn Jahre vor einer Diagnosestellung auf die späteren Erkrankungen hindeuten können.

Reduzierte Vielfalt und spezifische Erregermuster

Für die Untersuchung analysierten Forschungsteams des University Medical Centre Groningen, der Icahn School of Medicine at Mount Sinai und der Medizinischen Universität Wien insgesamt 2.000 archivierte Blutproben von 500 Angehörigen des US-Militärs.

Von diesen Personen entwickelten jeweils 200 später Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, während 100 Personen gesund blieben. Die Proben stammten aus Zeiträumen von etwa zwei, vier und zehn Jahren vor der Diagnose sowie vom Diagnosezeitpunkt selbst.

Die Forschenden überprüften die Proben auf Immunreaktionen gegen rund 357.000 Strukturen von Bakterien, Viren, Nahrungsmitteln sowie körpereigenen Komponenten. Dabei zeigte sich bei den später erkrankten Personen bereits Jahre im Voraus eine insgesamt reduzierte Diversität der Antikörper. Bei späteren fällen von Morbus Crohn fielen vor allem verstärkte Reaktionen gegen Epstein-Barr-Viren und bakterielles Flagellin auf.

Diese Signale traten besonders deutlich bei Personen zutage, die später eine schwere Verlaufsform mit Fisteln und Darmverengungen entwickelten oder bei denen das Ileum betroffen war. Für Colitis ulcerosa identifizierte das Team ein eigenes Muster, das Reaktionen gegen Herpesviren und körpereigene Proteine umfasste.

Mittels Machine-Learning-Modellen erreichten die Wissenschaftler eine Vorhersagegenauigkeit (AUC) von 0,90 für Morbus Crohn und 0,84 für Colitis ulcerosa auf einer Skala von 0,5 bis 1. Komplizierte Verläufe von Morbus Crohn ließen sich mit einem Score von 0,85 bereits rund zehn Jahre vor der eigentlichen Diagnose von milderen Verläufen abgrenzen.

Einordnung für die klinische Praxis

Trotz der präzisen statistischen Werte betont Studienleiter Dr. Arno Bourgonje, dass derzeit noch kein Test existiere, der die Erkrankung im Einzelfall individuell verlässlich vorhersagen könne. Prof. James Lindsay vom Gesundheitsverbund Barts Health stufte das Verfahren als reines Forschungsinstrument ein.

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Die festgestellten Zusammenhänge belegten keine Kausalität, weshalb eine Replikation in größeren und diverseren Kohorten erforderlich sei. Weltweit sind mindestens 3,8 Millionen Menschen von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen betroffen; ein künftiger Einsatz entsprechender Tests wird vor allem für Risikogruppen mit bereits erkrankten Familienangehörigen erwogen.

Ergänzende Erkenntnisse zu fehlgeleiteten Abwehrreaktionen

Die Rolle von Antikörpern und Gewebestrukturen steht auch im Fokus weiterer aktueller Forschungsarbeiten. Eine im Fachblatt Science Immunology publizierte Arbeit des King's College London untersuchte das darmassoziierte lymphatische Gewebe (GALT), das Darmmikroben aktiv ins Körperinnere befördert und Immunreaktionen auslöst.

Bei Colitis ulcerosa vermischen sich demnach antikörperbildende B-Zellen mit T-Zellen, anstatt in getrennten Zonen zu liegen. Studienleiterin Prof. Jo Spencer beschrieb damit erstmals die Regulierung der Immunantwort durch B-Zellen im GALT, deren Störung chronische Entzündungen begünstigen könnte.

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Parallel dazu zeigte eine im New England Journal of Medicine publizierte Untersuchung der Universitäten Oxford, Newcastle sowie des Cambridge University Hospitals NHS Foundation Trust an über 4.900 Patienten, dass rund 3,5 Prozent der Betroffenen Autoantikörper gegen das entzündungshemmende Interleukin-10 aufweisen. Diese neutralisierenden Antikörper stehen in engem Zusammenhang mit der Genvariante HLA-DRB1*01:03 und schalten einen natürlichen Schutzmechanismus des Darms ab. Allein in Großbritannien betrifft diese spezifische Ausprägung schätzungsweise 15.000 bis 20.000 der rund 500.000 Erkrankten.

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