Darmbakterium, Roseburia

Darmbakterium Roseburia: 29% mehr Muskelkraft im Alter

Veröffentlicht am: 24.08.2026 um 05:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Aktuelle Forschung belegt: Darmbakterien beeinflussen Muskelkraft und Immunsystem. Neue Therapien gegen Entzündungen und Altersschwäche werden erprobt.

Darmflora als Schlüssel: Neue Studien zu Langlebigkeit und Therapien
Ein Wissenschaftler arbeitet in einem modernen Labor an einer mikrobiologischen Untersuchung. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Darmmikrobiom hat in den vergangenen Monaten deutlich an Tiefe gewonnen. Im Zentrum aktueller Untersuchungen stehen Strategien zur Wiederherstellung der mikrobiellen Diversität nach Antibiotikagaben sowie die fundamentale Rolle der Darmflora für den Prozess des gesunden Alterns.

Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass die Zusammensetzung der Mikroorganismen nicht nur den Stoffwechsel und das Immunsystem beeinflusst, sondern auch maßgebliche Auswirkungen auf die Psyche und die physische Resilienz im Alter hat.

Mikrobielle Marker für Langlebigkeit und Muskelkraft

Ein zentraler Aspekt der aktuellen Forschung betrifft den Zusammenhang zwischen spezifischen Darmbakterien und der körperlichen Verfassung im Alter. Eine in der Fachzeitschrift „Gut“ veröffentlichte Studie identifizierte das Bakterium Roseburia inulinivorans als Korrelat für Muskelkraft.

Bei älteren Erwachsenen, die dieses Bakterium in ihrem Mikrobiom trugen, wurde eine um 29 Prozent höhere Handkraft festgestellt. In begleitenden Mausversuchen führte die Gabe von Roseburia inulinivorans zu einer Steigerung der Griffkraft um 30 Prozent und einer Zunahme von Typ-II-Muskelfasern.

Da der Anteil dieses Bakteriums im Laufe des Alterungsprozesses statistisch von 6,6 Prozent auf 1,3 Prozent sinkt, schlagen Forscher aus den Niederlanden und Spanien die Entwicklung entsprechender Probiotika gegen Altersmuskelschwund vor.

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Parallel dazu untersuchte die Universität Osaka unter der Leitung von Kosuke Hashimoto die zelluläre Zusammensetzung bei über 110-Jährigen. Die in „Cell Reports“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass sogenannte Supercentenarians einen Anteil von 17,6 Prozent CD4-zytotoxischer T-Lymphozyten an der Gesamtzahl der T-Zellen aufweisen.

Bei jüngeren Vergleichsgruppen liegt dieser Wert lediglich bei etwa 4 Prozent. Diese speziellen Hybridzellen sind in der Lage, Tumorzellen zu zerstören und vor Infektionen zu schützen. Auch das Mikrobiom der 2024 verstorbenen, 117-jährigen María Branyas Morera wies laut einer Studie in „Cell Reports Medicine“ eine außergewöhnliche Diversität und hohe Anteile an Bifidobakterien auf.

Ernährungsstrategien zur Förderung der Diversität

Um die Stabilität und Vielfalt des Mikrobioms zu gewährleisten, empfehlen Fachleute eine konsequent pflanzenbasierte Ernährung. Eine tägliche Zufuhr von mindestens 30 Gramm Ballaststoffen gilt als essenziell, um die Produktion kurzkettiger Fettsäuren mit entzündungshemmender Wirkung zu fördern.

Eine multinationale Untersuchung mit über 400.000 Teilnehmenden aus sechs Ländern belegt, dass eine stark pflanzenbasierte Kost das Risiko für Multimorbidität – etwa die Kombination aus Krebs und kardiometabolischen Erkrankungen – um 32 Prozent senken kann.

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Neben Ballaststoffen aus Vollkorn, Hülsenfrüchten, Knoblauch und Zwiebeln unterstützen traditionell fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kimchi, Kefir, Tempeh und Dahi die Darmgesundheit. Demgegenüber stehen schädliche Einflüsse durch ballaststoffarme, salzreiche Kost, Stress sowie ultra-verarbeitete Lebensmittel.

Eine englische Längsschnittstudie mit über 300.000 Teilnehmenden über 50 Jahren deutet zudem darauf hin, dass eine mediterrane Ernährung einen geringeren Rückgang des psychischen Wohlbefindens in Krisenzeiten begünstigt, was auf die Darm-Hirn-Achse zurückgeführt wird.

Neue therapeutische Ansätze und klinische Studien

In der medizinischen Anwendung zeichnen sich innovative Ansätze zur Behandlung chronischer Entzündungen und Infektionen ab. Forschungsteams aus Kiel und den USA fanden heraus, dass bei Darmentzündungen wie Morbus Crohn das Enzym QPRT blockiert wird, was die Synthese des wichtigen Moleküls NAD+ aus Tryptophan stört. Die für 2026 angekündikte klinische Studie ORNATUS soll untersuchen, inwieweit die Gabe von Nicotinamid (Vitamin B3) diesen Engpass umgehen kann.

Im Bereich der Infektiologie lieferte eine in „Nature Microbiology“ veröffentlichte Humanstudie erste Belege für den Erfolg einer Kombination aus Phagentherapie und fäkaler Mikrobiota-Transplantation bei rezidivierenden Harnwegsinfekten. Eine großangelegte, EU-finanzierte klinische Studie unter dem Namen REPhRAME ist für Juni 2027 geplant.

Auch im Bereich der Seneszenz-Forschung gibt es Fortschritte: Eine Studie in „Nature Aging“ zeigt, dass bestimmte Signalwege in alternden Zellen chronische Entzündungen fördern. Der Einsatz des Krebsmedikaments Palbociclib konnte diesen Prozess bei alten Mäusen hemmen und deren Motorik verbessern.

Trotz dieser vielversprechenden Ansätze mahnen Experten, wie etwa auf dem für September 2026 geplanten Longevity-Kongress in Hamburg, zur Differenzierung zwischen wissenschaftlicher Evidenz und kommerziellem Hype um Supplemente ohne belegten Nutzen.

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