Darmbakterien, Akkermansia

Darmbakterien: Akkermansia halbiert Jo-Jo-Effekt nach Diäten

26.05.2026 - 19:30:27 | boerse-global.de

Studie zeigt: Akkermansia-Bakterium reduziert Gewichtszunahme nach Diät deutlich. Neue Medikamente und Diagnostik ergänzen den Ansatz.

Darmbakterien: Akkermansia halbiert Jo-Jo-Effekt nach Diäten - Foto: über boerse-global.de
Darmbakterien: Akkermansia halbiert Jo-Jo-Effekt nach Diäten - Foto: über boerse-global.de

Maastricht/Berlin – Die Gewichtsmedizin erlebt einen Paradigmenwechsel. Während Inkretin-Mimetika wie Semaglutid den Markt dominieren, rückt die gezielte Beeinflussung des Mikrobioms als ergänzende Strategie in den Fokus. Forscher suchen nach Wegen, den Jo-Jo-Effekt durch biologische Mechanismen zu unterbinden.

Akkermansia-Studie: Weniger Jo-Jo-Effekt

Ein Durchbruch gelang der Universität Maastricht. Eine am 25. Mai in Nature Medicine veröffentlichte Studie des Teams um Ellen Blaak untersuchte das Bakterium Akkermansia muciniphila. 84 Erwachsene folgten acht Wochen einer stark kalorienreduzierten Diät und verloren mindestens acht Prozent ihres Körpergewichts.

Anschließend erhielten sie 24 Wochen lang täglich pasteurisiertes Akkermansia oder ein Placebo. Das Ergebnis: Die Placebogruppe nahm 33 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zu – die Bakteriengruppe nur 14 Prozent. Der Gewichtsverlust blieb um gut drei Kilogramm höher. Zudem verbesserten sich Insulinwirkung und Entzündungwerte. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.

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Heimtest analysiert Darmflora

Parallel entwickelt sich der Diagnostik-Markt rasant. Das Unternehmen Resbiotic kündigte am 25. Mai in Kooperation mit Tiny Health einen neuen Heim-Stuhltest an. Die Shotgun-Metagenomik analysiert die mikrobielle Zusammensetzung des Darms. Die Auswertung in zertifizierten Laboren liefert innerhalb von drei bis vier Wochen Ergebnisse.

Der Test misst die Diversität des Mikrobioms und identifiziert spezifische Stämme wie Akkermansia und Bifidobacterium. Auch Entzündungsmarker und Indikatoren für einen gestörten Darmbarriere (Leaky Gut) werden erfasst. Ziel ist eine fundierte Basis für individuelle Ernährungsentscheidungen.

Retatrutid: 28 Prozent weniger Gewicht

Während die Mikrobiom-Forschung an Bedeutung gewinnt, setzen Pharmakonzerne ihre Innovationsoffensive fort. Eli Lilly präsentierte am 25. Mai Phase-3-Daten zu Retatrutid. Die Höchstdosis von 12 Milligramm führte über 80 Wochen zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 28,3 Prozent – etwa 31,9 Kilogramm. Über 45 Prozent der Teilnehmer verloren sogar 30 Prozent oder mehr. Nach 104 Wochen stabilisierte sich der Verlust bei 30,3 Prozent.

Retatrutid verbesserte zudem Taillenumfang, Triglyceride, Blutdruck und Entzündungsmarker. Allerdings traten bei höheren Dosierungen vermehrt gastrointestinale Nebenwirkungen auf.

Wegovy: Höhere Dosierung für Europa

Auch regulatorisch gibt es Fortschritte. Die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) empfahl am 22. Mai eine höher dosierte Wegovy-Variante (7,2 mg) als Einzel-Pen. Die Markteinführung in der EU ist für das dritte Quartal 2026 geplant. Daten der STEP-UP-Studie belegen einen Gewichtsverlust von 20,7 Prozent nach 72 Wochen. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes lag der Wert bei 14,1 Prozent.

Doch die Medikamente erfordern eine dauerhafte ärztliche Begleitung. Nach dem Absetzen wurde eine schnelle Gewichtszunahme von durchschnittlich 400 Gramm pro Monat beobachtet.

Lebensstil bleibt Fundament

Trotz aller pharmakologischen Erfolge bleibt der Lebensstil entscheidend. Auf dem 60. Deutschen Diabetes-Kongress in Berlin wurden Daten einer Langzeitstudie der University of Massachusetts diskutiert. Die Analyse von rund 332.000 Teilnehmenden über 14 Jahre zeigte: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Diabetesrisiko um das Siebenfache – eine ungünstige Genetik nur um den Faktor 2,6. Schätzungen zufolge ließen sich über 55 Prozent der Diabetesfälle durch Verhaltensänderungen vermeiden.

Kritisch sehen Experten einseitige Diäten. Die Trennkost steht wegen möglicher Nährstoffmängel bei Vitamin B, Kalzium und Eisen in der Kritik. Die Kohlsuppendiät führe oft nur zu Wasser- und Muskelabbau und erhöhe das Risiko für den Jo-Jo-Effekt massiv.

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Synergie statt Konkurrenz

Die Zukunft der Adipositas-Behandlung liegt in einer integrierten Strategie. Medikamente wie Semaglutid oder Retatrutid ermöglichen massive Gewichtsverluste, kämpfen aber mit der langfristigen Gewichtserhaltung. Hier setzt die Mikrobiom-Forschung an. Akkermansia muciniphila könnte die Stoffwechselrate und Insulinsensitivität nach einer Diät stabil halten.

Präzise Stuhltests erlauben zudem eine exakte Anpassung der Therapie an das individuelle biologische Profil. Künftige Behandlungsprotokolle werden eine pharmakologische Initialphase mit einer mikrobiologischen Stabilisierungsphase kombinieren – unterstützt durch digitale Tools und präzise Ernährungssteuerung.

Der Markt ist enorm. Während Novo Nordisk und Eli Lilly ihre Anteile ausbauen, entsteht ein zweiter Markt für biotechnologische Supplemente und Diagnostik. Die Herausforderung für das Gesundheitssystem wird sein, den Zugang zu diesen kostspieligen Therapien zu steuern – ohne den Fokus auf Prävention zu verlieren.

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