Darm-Hirn-Achse, Depression

Darm-Hirn-Achse: Depression geht der Reizdarmdiagnose oft voraus

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 18:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung verknüpft Darmgesundheit mit psychischen Beschwerden; Ernährung kann Wohlbefinden beeinflussen, ein direkter Mikrobiom-Effekt bleibt ungesichert.
Abstrakte mikroskopische Darstellung biologischer Gewebestrukturen und neuronaler Netzwerke. Illustration mit AI erstellt.

Zwischen dem menschlichen Verdauungstrakt und dem zentralen Nervensystem besteht ein kontinuierlicher Informationsaustausch in beide Richtungen. Wie Prof. Andreas Stengel vom Klinikum Stuttgart darlegt, kommunizieren Darm und Gehirn bidirektional über neuronale Bahnen wie das enterische Nervensystem und den Vagusnerv, über Botenstoffe wie Darmhormone, Neurotransmitter und Zytokine sowie über mikrobielle Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren und Gallensäure-Abbauprodukte.

Wechselwirkungen bei funktionellen und entzündlichen Darmerkrankungen

Das Reizdarmsyndrom wird medizinisch zu den Darm-Hirn-Interaktionsstörungen gezählt. Betroffene leiden häufiger unter Depressionen und Angststörungen, wobei sich das Risiko wechselseitig in beide Richtungen erhöht. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung eines Reizdarmsyndroms nach einer akuten Gastroenteritis deutlich an.

Eine Analyse elektronischer Krankenakten im Journal of Psychosomatic Research untersuchte die zeitliche Abfolge dieser Diagnosen anhand des US-Forschungsprojekts „All of Us“ mit 633.547 Teilnehmenden sowie einer Datenbank der University of California mit über 11 Millionen Patienten.

Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom ging die Diagnose einer Depression der Darmstörung in 73,2 Prozent beziehungsweise 65,2 Prozent der Fälle voraus. Bei Morbus Crohn zeigte sich das umgekehrte Bild: Hier trat die Depression nur in 46,8 Prozent beziehungsweise 35,1 Prozent der Fälle zuerst auf, während die Datenlage bei Colitis ulcerosa uneinheitlich blieb.

Ein kausaler Beweis liegt hierfür nicht vor. Die Einnahme von Antidepressiva ging dabei mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für eine spätere Magen-Darm-Diagnose einher.

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen verweisen Fachleute auf ähnliche Muster. Laut Dr. Roshane Francis zeigt eine schwedische Studie im Fachjournal CGH, dass Betroffene bereits bis zu drei Jahre vor der formalen Diagnose ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Störungen aufweisen, das bis zu zehn Jahre nach der Diagnose bestehen bleibt, vor allem getrieben durch Depressionen, Angststörungen und Substanzmissbrauch.

In Kanada seien Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen doppelt so häufig von psychischen Störungen betroffen wie die Allgemeinbevölkerung, wobei Symptome bis zu fünf Jahre vor der Diagnose auftreten können. Francis plädiert daher für routinemäßige psychische Screenings und eine multidisziplinäre Betreuung.

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Der Einfluss des Mikrobioms und experimentelle Befunde

Ein Ungleichgewicht der Darmmikrobiota, eine sogenannte Dysbiose, kann laut einer Studienübersicht der Universidade Federal de São Paulo (Unifesp) über Entzündungsprozesse und Neurotransmitter mit psychiatrischen sowie neurologischen Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, Alzheimer und Parkinson zusammenhängen.

Eine Dysbiose im Kindesalter ist zudem mit einem höheren Risiko für neurologische Störungen im Erwachsenenalter assoziiert. Der Herzchirurg Jeremy London weist darauf hin, dass etwa 90 Prozent des Serotonins im Magen-Darm-Trakt produziert werden und Störungen dieses Systems mit psychischen Symptomen einhergehen können.

In Tierversuchen ließ sich dieser Zusammenhang experimentell nachstellen: Nach der Übertragung von Mikrobiomen von 34 Personen mit Depression und 33 gesunden Kontrollpersonen auf Ratten zeigten die Tiere mit dem Depressions-Mikrobiom weniger Interesse an Belohnungen und verstärkt angstähnliches Verhalten.

Bei 18 Männern mit metabolischem Syndrom verbesserte eine Stuhlübertragung die Insulinsensitivität ausschließlich in der Gruppe, die Spenderstuhl erhielt. Trotz dieser Hinweise bleibt der direkte Einfluss des Mikrobioms auf die Psyche beim Menschen bislang nicht sicher belegt.

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Ernährungsansätze und Empfehlungen aus der Praxis

Laut Prof. Tim Spector vom King's College London beeinflusst die Zusammensetzung der Nahrung nicht nur das Körpergewicht, sondern auch Stimmung und Gedächtnis. In einer Untersuchung des ZOE-Programms berichteten Teilnehmende nach rund 18 Wochen Ernährungsumstellung über eine verbesserte Schlafqualität, ein höheres Energieniveau und mehr Wohlbefinden.

Die australische SMILES-Studie aus dem Jahr 2017 an 67 Personen mit mittelschwerer bis schwerer Depression zeigte, dass nach zwölf Wochen etwa ein Drittel der Ernährungsgruppe die Kriterien für eine klinische Depression nicht mehr erfüllte, verglichen mit lediglich 8 Prozent in der Kontrollgruppe.

Experten leiten daraus gezielte Empfehlungen ab:
* Prof. Birgit Terjung von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät zu einer pflanzenbetonten Kost mit Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst, Nüssen und Samen.
* Aus dem Umfeld von Spector wird empfohlen, wöchentlich mindestens 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel aufzunehmen, den Ballaststoffanteil zu steigern und hochverarbeitete Produkte sowie Zucker zu reduzieren; eine mediterrane Ernährung geht zwar mit einem geringeren Demenzrisiko einher, bietet jedoch keinen gesicherten Schutz.
* Eine Fachärztin für Gastroenterologie rät zu mindestens 25 Gramm Ballaststoffen täglich, ergänzt durch regelmäßige körperliche Aktivität und Stressmanagement.
* Die Unifesp-Übersicht hebt natürliche Probiotika wie Kefir, Natto und Sauerkraut, einen zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika, Stillen bis zum sechsten Monat sowie den Verzicht auf Rauchen und die Reduktion von Alkohol hervor.

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