DAK-Report: Psychische Erkrankungen erstmals häufigster Grund für Ausfälle
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 18:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Psychische Erkrankungen im beruflichen Umfeld betreffen keineswegs nur Personen mit sichtbaren Leistungseinbußen. Nach Einschätzung des Psychiaters Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention bleibt eine Depression bei Leistungsträgern im Arbeitsalltag häufig unsichtbar.
Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit anhaltend hohem Arbeitseinsatz können schwer erkrankt sein. Hohe Produktivität schützt demnach nicht vor einer psychischen Krise; vielmehr verbirgt sich hinter vielen vermeintlichen Burn-out-Zuständen eine tatsächliche Depression. Der Begriff der hochfunktionalen Depression existiert dabei in der medizinischen Klassifikation nicht als eigenständige Diagnose.
Hohe Leistungsfähigkeit als Maske schwerer Erkrankungen
Dass Personen trotz ausgeprägter Krankheitssymptome weiterarbeiten, ist kein Einzelfall. Laut Studien erkrankt etwa jeder fünfte bis sechste Erwachsene im Laufe seines Lebens an einer Depression, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Statistiken aus Skandinavien belegen zudem, dass die Lebenserwartung bei einer Depression im Durchschnitt um etwa zehn Jahre verkürzt ist.
Neben den gesundheitlichen Risiken für Betroffene entstehen erhebliche betriebliche Folgen. Wie Hegerl unter Verweis auf Schätzungen der London School of Economics ausführt, liegen die wirtschaftlichen Kosten des Präsentismus – also des Arbeitens trotz schwerer Erkrankung – um ein Vielfaches höher als die Kosten durch reine Fehlzeiten.
Auch der Psychiater Bert te Wildt berichtet über die Behandlung erschöpfter Führungskräfte, Chefärzte und Museumsdirektoren und hebt hervor, dass es in bestimmten beruflichen Milieus fast als Statussymbol gelte, kurz vor der totalen Erschöpfung zu stehen.
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Für Vorgesetzte gelte daher die Empfehlung, aufmerksam zu reagieren: Bei Leistungsabfall, Weinen am Arbeitsplatz oder sozialem Rückzug sollte das Gespräch gesucht und bei Anzeichen suizidaler Tendenzen direkt nachgefragt werden.
Steigende Belastungen in Unternehmen
Dass psychische Beeinträchtigungen zunehmen, unterstreichen aktuelle Kennzahlen aus dem Arbeits- und Gesundheitssektor. In der Erhebung „DearEmployee Workplace Insights 2026“, die 91.580 Beschäftigte aus 398 Organisationen erfasst, berichten 16 Prozent von einer stark oder sehr stark eingeschränkten mentalen Gesundheit. Dies ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2019; im Jahr 2024 hatte dieser Anteil noch bei 13 Prozent gelegen.
Zudem bewerten 48 Prozent die Arbeitsintensität negativ (2024: 48 Prozent) und 32 Prozent die Überstundenbelastung (2024: 33 Prozent). Eine abnehmende Zeitsouveränität beklagen 24 Prozent (2024: 16 Prozent), während 42 Prozent ständige Erreichbarkeit als Belastung sehen (2024: 35 Prozent). Durchschnittlich stellen pro Betrieb vier von 46 untersuchten Arbeitsbedingungen ein Risiko dar.
Parallel steigen die Ausfallzeiten. Laut dem DAK-Gesundheitsreport vom Juli 2026, der auf Daten von rund 2,2 Millionen erwerbstätigen Versicherten des IGES Instituts basiert, legten die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent zu und bildeten erstmals die häufigste Ursache für Arbeitsausfälle.
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Laut Statista haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Leiden zwischen 2000 und 2024 mehr als verdoppelt. Eine weltweite Ipsos-Studie in 30 Ländern zeigt zudem, dass 45 Prozent der Befragten psychische Erkrankungen für das größte Gesundheitsproblem halten, gefolgt von Krebs mit 41 Prozent.
Auch das Wissenschaftliche Institut der PKV verzeichnete unter Institutsleiter Frank Wild für 2025 einen Anstieg der Ausgaben für ärztliche Leistungen in Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr; die GOÄ-Ziffern 801 und 801a wurden 2025 um 79,8 Prozent häufiger abgerechnet als 2024.
Rollenkonflikte und organisationale Rahmenbedingungen
Die Ursachen für chronische Belastungen liegen oft in den Rahmenbedingungen der Organisationen. Die Organisationssoziologin Judith Jules Muster von der Universität Potsdam betont, dass das Scheitern von Projekten selten an einzelnen Führungskräften liegt, sondern an strukturellen Rahmenbedingungen. Führungskräfte ohne echte Befugnisse müssten sich selbst als Ressource aufbrauchen, was Überforderung fördere.
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation im ICD-11 entsteht ein Burnout als arbeitsbezogenes Phänomen aus chronischem, nicht bewältigtem Stress mit den Merkmalen Erschöpfung, Zynismus und gemindertem Wirksamkeitsgefühl.
Eine Metaanalyse von Schmidt und Kollegen belegt überdies einen deutlichen Zusammenhang zwischen Rollenunklarheit, Rollenkonflikten und depressiven Entwicklungen, was die Notwendigkeit klarer organisatorischer Strukturen verdeutlicht.

