Cybermobbing unter Schülern: 20,7 Prozent betroffen, KI verschärft die Lage
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die digitale Belästigung unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland nimmt weiter zu. Dies verdeutlicht die in Berlin vorgestellte Untersuchung „Cyberlife VI“ des Bündnisses gegen Cybermobbing. Der Erhebung zufolge waren 20,7% der Schüler im Alter von 7 bis 20 Jahren bereits mindestens einmal von Cybermobbing betroffen.
Gegenüber der vorherigen Befragung aus dem Jahr 2024, als der Anteil bei 18,5% lag, entspricht dies einem Anstieg um mehr als 2 Prozentpunkte. Im Jahr 2017 hatte die Quote noch 12,7% betragen. Hochgerechnet entspricht der aktuelle Wert bundesweit mehr als 2,4 Millionen Betroffenen. Damit setzt sich eine kontinuierliche Negativentwicklung seit der ersten Untersuchung im Jahr 2013 fort.
Neue Angriffsflächen durch generative Technologien und Gaming
Ein wesentlicher Treiber moderner digitaler Gewalt ist der Einsatz neuer Werkzeuge. Nach Angaben des Bündnisses gegen Cybermobbing wurde rund jeder Fünfte der Befragten bereits durch KI-generierte Inhalte attackiert oder durch gefälschte Bilder oder Videos bloßgestellt. Als Mobbing-Mittel setzen 30% der Jungen sowie 26% der Mädchen Künstliche Intelligenz ein.
Grundsätzlich sind Mädchen insgesamt stärker von Cybermobbing betroffen. Bei den Täterstrukturen zeigt sich, dass gut 7% der Befragten angaben, selbst schon Angriffe verübt zu haben. Bereits etwa jeder zwölfte Grundschüler war mindestens einmal Ziel von Attacken. Neben WhatsApp und TikTok zählen vor allem Gamingplattformen zu den Hauptkanälen; insbesondere Jungen greifen zu 54% auf Spieleplattformen zurück, um andere zu schikanieren.
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Die Angriffe geschehen zudem mit hoher Regelmäßigkeit: 24% der Opfer berichten von täglichen Vorfällen, 35% von Attacken ein- oder mehrmals pro Woche und 41% von selteneren Vorfällen. Zu gut 90% finden die Übergriffe im Schulumfeld statt. Über zwei Drittel der Betroffenen kennen die handelnden Personen aus der eigenen Schule oder Klasse. Konkret gaben 70% an, dass die Verursacher aus der eigenen Schulklasse stammen, und 71% kennen sie persönlich.
Besonders gefährdet sind queere Heranwachsende: Mindestens 22% der betroffenen Personen sind statistisch LGBTIQ+. Diese Gruppe sieht sich zusätzlich mit homophoben Beschimpfungen, gezielter Ausgrenzung, Drohungen sowie Zwangsoutings konfrontiert.
Psychische Folgen und Belastung an den Schulen
Die Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen sind gravierend. Laut der Erhebung äußerten 25% der Betroffenen – fast 600.000 Heranwachsende – Suizidgedanken. Aus Verzweiflung griffen 17% zu Alkohol, Tabletten oder Drogen; im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 13%, was damals rund 400.000 Schülern entsprach.
Zudem fühlten sich 56% der Opfer verletzt, 42% wütend und 38% verängstigt. Uwe Leest, Vorstand des Bündnisses gegen Cybermobbing, warnte in diesem Zusammenhang vor schweren und dauerhaften Schäden für die mentale Gesundheit.
Auch im Schulalltag wächst die Dringlichkeit: 63% der Lehrkräfte nehmen Cybermobbing als Problem an der eigenen Einrichtung wahr, was einem Zuwachs von 9 Prozentpunkten im Vergleich zu der Erhebung vor zwei Jahren entspricht. Insgesamt 70% des Schulpersonals kamen bereits mit der Thematik in Berührung.
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Debatte um Schutzmaßnahmen und Regulierung
An der bundesweiten Befragung, die im Zeitraum von April bis Juli 2026 stattfand, nahmen 4.525 Schüler, 1.113 Eltern sowie 716 Lehrkräfte teil. Die Resultate spiegeln eine wachsende Skepsis gegenüber dem Status quo wider: Lediglich 24% der Schüler halten die bestehenden Präventionskonzepte für ausreichend, während 62% der Auffassung sind, staatliche Stellen täten zu wenig.
Zwar wurden innerfamiliäre und schulische Angebote ausgebaut – Workshops stiegen auf 34% (2024: 25%), Schülerscouts auf 28% (2024: 21%) –, doch die Rufe nach schärferen Regeln werden lauter.
Fast drei Viertel der befragten Lehrkräfte sprechen sich für ein Smartphone-Verbot an Schulen aus. Eine Altersgrenze für soziale Medien, mehrheitlich ab 16 Jahren, befürworten 81% des Lehrpersonals und 76% der Eltern. Unter den Jugendlichen unterstützen 49% eine derartige Beschränkung, während 28% dagegen sind.
Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert die Einführung eines Cybermobbing-Gesetzes, einen standardisierten Internet-Führerschein ab der dritten Klasse, Regelungen für verdeckte Klarnamen sowie flächendeckende Beratungsangebote, während pauschale Verbote wie in Australien kritisch bewertet werden.
Fachleute aus der Schulpsychologie unterstreichen zudem, dass Mobbing und Cybermobbing zumeist gemeinsam auftreten, im Gehirn ähnliche Reaktionen wie physischer Schmerz auslösen und erhebliche Dunkelziffern aufweisen.
Daher raten Psychologen zu festen Vertrauenspersonen und Krisenteams an jeder Schule, speziellen Sprechstunden, gezielten Medienschulungen für Eltern sowie einer tieferen Verankerung des Problems in der Ausbildung von Lehrkräften.
