Cyberlife, Digitales

Cyberlife VI: Digitales Mobbing betrifft 20,7 Prozent der 7- bis 20-Jährigen

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 14:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bundesregierung beschloss Eckpunkte zum Jugendmedienschutz; zugleich belegen Studien digitale Belastungen und Cybermobbing unter jungen Menschen.
Ein minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer bei Nacht, das eine ruhige und ungestörte Atmosphäre vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Klinische Psychologen schlagen Alarm: Auf Online-Plattformen rollt eine neue Welle des Schlankheitswahns durch die Feeds junger Nutzer. Die klinische Psychologin Elke Prochazka warnt vor den Folgen dieser Entwicklung bei Jugendlichen. Plattform-Algorithmen würden extreme Schönheitsideale in Dauerschleife ausspielen. Wenn das Schlanksein zum einzigen Ziel erhoben werde, sei dies hochgradig gefährlich, betont die Expertin.

Fragwürdige Trends und algorithmische Dynamiken

Wie schnell sich verzerrende Schönheitsideale verbreiten, zeigen jüngste Phänomene im Netz. Sogenannte Belly Button Patches – spezielle Silikonpflaster, die über dem Bauchnabel getragen werden – sorgen auf Plattformen wie TikTok und Instagram für intensive Diskussionen.

Der Trend richtet sich vor allem an besonders schlanke Körper. Ein solches Spiel um das Zeigen oder Verstecken bestimmter Körperpartien gab es bereits in früheren Jahrzehnten, etwa um die Jahrtausendwende bei Brustwarzen oder im Jahr 2023 durch die Marke Skims von Kim Kardashian.

Dass derartige Inhalte überproportional oft in den Feeds landen, liegt an den Ausspielungsmechanismen. Die ehemalige Meta-Forscherin Anneke Buffone erklärt, dass Algorithmen subtile Verhaltenssignale registrieren und bloße visuelle Aufmerksamkeit fälschlicherweise als inhaltliches Interesse interpretieren.

Insbesondere emotionale Inhalte, die Reaktionen wie Überraschung, Wut, Empörung oder Angst hervorrufen, erzielten hohe Reichweiten. Bei bizarren oder KI-generierten Inhalten stelle sich hingegen rasch ein Gewöhnungseffekt ein.

Buffone spricht sich für die Vermittlung von Medienkompetenz anstelle reiner Verbote aus, rät zu begrenzten Bildschirmzeiten und empfiehlt, Endgeräte nachts nicht im Schlafzimmer aufzubewahren. Bisherige Jugendschutzmaßnahmen von Plattformen wie spezielle Jugendkonten kritisiert sie als zu kompliziert und als bloße Verlagerung der Verantwortung auf die Eltern.

Belastungsfaktoren durch Zahlen belegt

Die Auswirkungen der Dauernutzung spiegeln sich in wissenschaftlichen Auswertungen wider. Die Politologin Barbara Prainsack von der Universität Wien verweist auf eine Lancet-Übersichtsarbeit, die 121 Studien mit Daten von rund 9 Millionen Menschen unter 25 Jahren analysierte. Diese fand einen Zusammenhang zwischen einer suchtähnlichen Mediennutzung und psychischen Problemen, schlechterem Schlaf sowie verringerter Bewegung, wenn auch keinen eindeutigen Kausalzusammenhang.

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Die neue Cyberlife-Studie zeigt: 20,7 Prozent der 7- bis 20-Jährigen sind von digitalem Mobbing betroffen – mehr als 2,4 Millionen junge Menschen. Über 90 Prozent der Übergriffe passieren im schulischen Umfeld. Unser kostenloser Ratgeber zeigt Eltern, wie sie erste Warnsignale erkennen und einen Notfallplan aufsetzen. Jetzt kostenlosen Eltern-Ratgeber anfordern

Prainsack fordert eine strengere Regulierung und zieht Parallelen zur Tabakindustrie. Neben einer datenschutzfreundlichen Altersprüfung plädiert sie für internationale Rahmenbedingungen nach Vorbild der Weltgesundheitsorganisation.

Wie stark Heranwachsende digital unter Druck geraten, unterstreicht zudem die Studie „Cyberlife VI“ des Bündnisses gegen Cybermobbing, für die von April bis Juli 716 Lehrkräfte, 1.113 Eltern und 4.525 Schüler befragt wurden. Demnach sind bundesweit 20,7 Prozent der 7- bis 20-Jährigen von digitalem Mobbing betroffen – nach 18,5 Prozent im Jahr 2024 und 12,7 Prozent vor knapp zehn Jahren.

Hochgerechnet entspricht dies mehr als 2,4 Millionen jungen Menschen. Rund 17 Prozent der Betroffenen, etwa 400.000 Jugendliche, griffen aus Verzweiflung zu Alkohol, Medikamenten oder Drogen. Nahezu 600.000 Betroffene berichteten über Suizidgedanken. Mehr als 90 Prozent der Übergriffe ereignen sich im schulischen Umfeld.

Politische Reaktionen und geplante Regulierungen

Aufgrund dieser Entwicklungen hat die Bundesregierung Eckpunkte zum Kinder- und Jugendmedienschutz beschlossen, gestützt auf 56 Handlungsempfehlungen einer Expertenkommission vom 11. September 2026. Kinder unter 13 Jahren sollen künftig keinen Zugang zu regulären sozialen Netzwerken erhalten, während für 13- bis 18-Jährige gestaffelte Nutzungsbeschränkungen vorgesehen sind. Bundesfamilienministerin Karin Prien kündigte an, Plattformbetreiber in die Pflicht zu nehmen und Eltern den Rücken zu stärken.

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Flankierend setzt sich die Regierung auf europäischer Ebene für den EU KIDS Act ein, der Mechanismen wie standardmäßig deaktivierte Empfehlungsalgorithmen vorsieht. Ab 2027 soll für Altersprüfungen zudem die deutsche Brieftasche für digitale Identitäten „d-you“ zum Einsatz kommen.

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