Contivue-Augenimplantat: Nachfüllung für Netzhautpatienten nur alle 6 bis 9 Monate
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 11:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der Behandlung schwerer Netzhauterkrankungen gewinnt die kontinuierliche Wirkstoffabgabe zunehmend an praktischer Bedeutung. Mit dem Augenimplantat Contivue wurde eine solche Technologie erstmals in Europa zeitgleich am Universitätsklinikum Bonn (UKB) sowie am Kepler Universitätsklinikum in Linz eingesetzt.
Wie aus einem Bericht von radiobonn.de hervorgeht, erhielten am Bonner Universitätsklinikum zwei Patienten das neuartige System. Das Implantat zielt darauf ab, die etablierten therapeutischen Abläufe für Betroffene grundlegend zu verändern.
Funktionsweise und Entlastung im Behandlungsalltag
Das Contivue-Implantat gibt den erforderlichen Wirkstoff kontinuierlich an das Auge ab. Zweck dieses Mechanismus ist es, die zeitlichen Abstände zwischen den bislang notwendigen, regelmäßigen Augenspritzen deutlich zu vergrößern. Herkömmliche Therapieschemata erfordern oft engmaschige Injektionen direkt in das Auge, was für Patienten mit wiederkehrenden Belastungen und Klinikaufenthalten verbunden ist.
Beim Contivue-System ist laut den vorliegenden Angaben lediglich eine Nachfüllung alle sechs bis neun Monate erforderlich. Das Universitätsklinikum Bonn begleitete das Verfahren bereits im Vorfeld: Die Klinik war seit 2024 an den entsprechenden klinischen Studien beteiligt. Die Rückmeldungen der behandelten Personen seien nach Angaben des UKB dabei sehr positiv ausgefallen.
Ergänzende Diagnostik durch mobile Netzhautkameras
Parallel zu neuen Verabreichungswegen bei Implantaten werden auch innovative diagnostische Verfahren in der Augenheilkunde intensiv analysiert. Das Universitätsklinikum Bonn und die Universität Bonn veröffentlichten dazu eine Übersichtsarbeit zu smartphone-basierten Netzhautkameras, wie itbusiness.ch in einem Bericht vom 6. Oktober 2026 darlegte.
Für die Untersuchung (Lechtenboehmer et al., Progress in Retinal and Eye Research, 2026; DOI 10.1016/j.preteyeres.2026.101515) werteten die Wissenschaftler 30 technische Lösungen sowie 274 wissenschaftliche Publikationen und weitere Quellen aus.
Für viele Betroffene bedeutet die Behandlung schwerer Netzhauterkrankungen vor allem eines: immer wieder Spritzen ins Auge und eng getaktete Klinikbesuche. Ein neues Wirkstoff-Implantat, das erstmals in Bonn und Linz eingesetzt wurde, gibt den Wirkstoff kontinuierlich ab — eine Nachfüllung ist laut den vorliegenden Angaben nur alle sechs bis neun Monate nötig. Was das für den Alltag bedeuten kann und welche Fragen Sie Ihrem Augenarzt stellen sollten, fasst dieser kostenlose Leitfaden zusammen. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass smartphone-basierte Fundusbilder für bestimmte Screening-Verfahren und die Triage ausreichen könnten. Dies gelte insbesondere für die diabetische Retinopathie, das Glaukom sowie einzelne Anwendungen bei der Frühgeborenenretinopathie.
Die Aussagekraft der Aufnahmen hänge jedoch stark vom jeweiligen Gerät, der vorliegenden Erkrankung, der Aufnahmetechnik und der Erfahrung des Anwenders ab, weshalb eine pauschale Genauigkeitsangabe nicht möglich sei.
Die Forscher betonten, dass diese Systeme eine telemedizinische Ergänzung darstellen, eine reguläre augenärztliche Untersuchung jedoch nicht ersetzen können. Als Hürden für den breiten Einsatz gelten Bildqualität, Sichtfeld, Kompatibilität, Regulierung, Datenschutz und Sicherheit. Zudem fehlen bislang größere Studien zu Wirtschaftlichkeit und Behandlungsergebnissen.
Forschungsperspektiven bei degenerativen Netzhauterkrankungen
Neben depotartigen Wirkstoffträgern wie Contivue werden in der universitären Forschung weitere Ansätze zur Behandlung von Sehverlusten vorangetrieben. Ein Bonner Forschungsteam um Volker Busskamp testet lichtempfindliche Proteine in Netzhautzellen und Organoiden, die aus menschlichen Stammzellen gewonnen wurden.
Ziel dieser optogenetischen Ansätze ist es, nach dem Verlust der Fotorezeptoren die verbliebenen Netzhautzellen wieder lichtempfindlich zu machen. In einer frühen klinischen Untersuchung bei einem Patienten mit Retinitis pigmentosa konnte auf diesem Weg bereits teilweise Sehfunktion wiederhergestellt werden, wenngleich sich die klinische Entwicklung nach wie vor in einem frühen Stadium befindet.
Neben neuen Implantaten rückt auch die Netzhaut-Diagnostik voran: Eine Bonner Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass smartphone-basierte Netzhautaufnahmen für bestimmte Screenings und die Triage ausreichen könnten — eine augenärztliche Untersuchung aber nicht ersetzen. Wer den Überblick behalten will, findet in diesem Leitfaden eine verständliche Einordnung neuer Therapie- und Diagnose-Ansätze samt Fragenkatalog für das nächste Gespräch in der Praxis. Leitfaden zur Netzhaut-Versorgung sichern
Auch auf regulatorischer Ebene zeichnen sich neue Schritte ab: Laut einem Bericht von n-tv vom 5. Oktober 2026 nahm die US-Arzneimittelbehörde FDA im September 2026 einen Zulassungsantrag für das optogenetische Therapeutikum MCO-010 gegen schwere Sehverluste durch Retinitis pigmentosa zur Prüfung an.
Eine behördliche Entscheidung wird für die erste Jahreshälfte 2027 erwartet. Die klinische Einführung von Systemen wie Contivue verdeutlicht, wie technologische Neuerungen schrittweise Einzug in die praktische Versorgung von Netzhautpatienten halten.
