Cloud Act: EU plant 120 Milliarden gegen US-Dominanz
23.06.2026 - 02:05:51 | boerse-global.de
Die Europäische Kommission hat am Montag den Cloud and AI Development Act (CADA) vorgestellt – ein ambitioniertes Gesetzespaket, das Europas Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen radikal reduzieren soll.
Das Ziel ist ehrgeizig: Innerhalb von fünf bis sieben Jahren soll sich der europäische Rechenzentrumsmarkt verdreifachen. Herzstück des Vorschlags ist ein vierstufiges Souveränitäts-Rahmenwerk für Cloud-Dienste, das erstmals verbindliche Regeln für die Kontrolle und Speicherung von Daten festlegt.
Vier Stufen der digitalen Unabhängigkeit
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Das neue Cloud Sovereignty Framework (CSF) definiert vier Compliance-Level. Stufe 1 verlangt, dass sämtliche Datenverarbeitung innerhalb der EU stattfindet. Stufe 2 fordert die Unabhängigkeit von Rechtsordnungen außerhalb der EU. Stufe 3 führt Anforderungen an EU-basierte Eigentümer- und Kontrollstrukturen ein. Die höchste Stufe 4 verlangt vollständige Transparenz und den kompletten Ausschluss von Kontrollmöglichkeiten durch Drittstaaten – ein direkter Angriff auf die Geschäftsmodelle von US-Anbietern.
Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Kommission auf einen „Open Source First“-Ansatz bei der öffentlichen Beschaffung. Zwei Milliarden Euro sind für Open-Source-Tools vorgesehen, bis 2030 sollen 30 Millionen aktive Nutzer erreicht werden.
Die Bürokratie soll ebenfalls nicht bremsen: Die Genehmigungsverfahren für neue Rechenzentren werden auf maximal zwölf Monate begrenzt. Die Mitgliedstaaten müssen innerhalb eines halben Jahres nach Inkrafttreten sogenannte „Data Center Acceleration Zones“ ausweisen.
Chips Act 2.0: 120 Milliarden für die Halbleiter-Industrie
Erst Anfang Juni hatte die Kommission den „Chips Act 2.0“ auf den Weg gebracht. Die überarbeitete Strategie soll bis 2035 insgesamt 120 Milliarden Euro an Investitionen mobilisieren. Der Grund: Trotz des ursprünglichen Ziels von 20 Prozent globalem Produktionsanteil aus dem Jahr 2023 liegt die EU derzeit bei unter zehn Prozent. Rund 30 Milliarden Euro des neuen Pakets sind speziell für KI-Chip-Fabriken reserviert.
Auch bei den Supercomputern korrigiert Brüssel nach. Aus den ursprünglich fünf geplanten KI-Gigafabriken wird nun ein gestaffelter Ansatz: vier kleinere und drei größere Einrichtungen. Nur zwei Zentren sollen noch vor 2028 Förderung erhalten – die Finanzierung kommt aus EU-Mitteln, nationalen Beiträgen und privaten Investitionen.
Forschungsoffensive: Deutsch-französisches KI-Zentrum startet im Juli
Parallel zu den Gesetzesinitiativen wurden mehrere Forschungs- und Sicherheitspartnerschaften besiegelt. Am 18. Juni unterzeichneten das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und das französische Inria auf der Vivatech-Konferenz in Paris ein Abkommen zur Gründung eines binationalen deutsch-französischen KI-Zentrums. Der Betrieb soll bereits im Juli 2026 aufgenommen werden. Schwerpunkte sind vertrauenswürdige KI und die Zusammenarbeit mit der Industrie.
Im Quantenbereich macht ebenfalls Fortschritte: QBird startete am 18. Juni in Rotterdam das Quantum Communication Fieldlab – gemeinsam mit Cisco und dem Hafen Rotterdam. Die Einrichtung nutzt Quantenschlüsselverteilung (MDI-QKD) zur Sicherung kritischer maritimer Kommunikation. Parallel dazu präsentierte Fraunhofer IPMS seinen Q-Dice-Quantenzufallsgenerator, der Datenraten von über 4,1 Gigabit pro Sekunde für Unternehmenssicherheit liefert.
Gemischte Reaktionen aus Industrie und Politik
Das Gesetzespaket spaltet die Branche. Der CCIA Europe, ein Verband der Digitalwirtschaft, bezeichnete den CADA-Vorschlag als diskriminierend. Europäische Anbieter wie Nextcloud argumentieren dagegen, die Maßnahmen gingen nicht weit genug.
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Im Europaparlament sind die Meinungen geteilt. Die Abgeordnete Aura Salla verwies auf einen schweren Cloud-Ausfall eines US-Anbieters im Oktober 2025, der europäische Banking-Anwendungen lahmlegte – ein Beleg für die Dringlichkeit. Ihre Kollegin Alexandra Geese betonte, dass digitale Souveränität eine aktive Industriepolitik erfordere und nicht einfach die Nachahmung bestehender Plattformmodelle.
Die Marktdominanz nicht-europäischer Anbieter bleibt das zentrale Problem: Drei US-Konzerne kontrollieren derzeit rund 70 Prozent des EU-Cloud-Marktes, europäische Anbieter kommen auf gerade 15 Prozent. Einige Mitgliedstaaten ziehen bereits Konsequenzen: Die Niederlande haben angekündigt, ab August 2028 keine nicht-europäischen Unternehmen mehr in ihr digitales Identitätssystem DigiD einzubinden.
Das Europäische Parlament strebt eine endgültige Verabschiedung des Cloud and AI Development Act bis Ende 2027 an.
