Claude und ART-Systeme: 950 KI-Agenten finden Enzym, Forscher widersprechen
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 03:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das KI-Unternehmen Anthropic hat die Entdeckung eines bislang unbekannten Enzymsystems in Bakterienviren durch sein KI-System Claude gemeldet. Wie das Unternehmen Ende September mitteilte, identifizierten KI-Agenten eigenständig sogenannte „array-associated reverse transcriptases“ (ART) in Jumbo-Phagen.
Anthropic bezeichnete den Erfolg als einen ersten Schritt hin zu rein KI-gestützten biologischen Entdeckungen. Kurz nach der Bekanntgabe meldeten jedoch externe Forscher Zweifel an der Priorität der Entdeckung an.
Automatisierte Identifikation in Rekordzeit
Die Identifizierung des ART-Systems erfolgte laut Unternehmensangaben durch den Einsatz von etwa 950 gleichzeitig operierenden Claude-Agenten. Diese analysierten innerhalb von 21,5 Stunden eine DNA-Datenbank mit einem Umfang von 210 Millionen Tokens. Dabei durchsuchten die Agenten über 200.000 Reverse-Transkriptasen und filterten 3.500 potenzielle Kandidatensysteme heraus, von denen 20 einer detaillierten Analyse unterzogen wurden.
Ein KI-Agent habe dabei ein spezifisches Muster aus Wiederholungssequenzen neben bekannten Genen erkannt und dieses als ART-System an die menschlichen Forscher gemeldet. Das System besteht den Angaben zufolge aus drei Elementen: einer Reverse-Transkriptase, einem benachbarten Partnergen und einer langen, sich wiederholenden DNA-Sequenz.
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Während das Enzym selbst bereits bekannt war, stelle die Einordnung in dieses größere, strukturell an CRISPR erinnernde System eine Neuheit dar. Wissenschaftler hätten dem KI-System dabei lediglich eine übergeordnete Orientierung vorgegeben. Ein entsprechender Preprint der Ergebnisse wurde bereits veröffentlicht.
Streit um die Urheberschaft der Entdeckung
Die Darstellung von Anthropic stieß in der Fachwelt umgehend auf Kritik. Mario Rodríguez Mestre, ein Doktorand für computergestützte Biologie an der Universität Kopenhagen, erklärte in diesem Zusammenhang, dass sein Team genau dieses System bereits seit dem Jahr 2022 erforsche.
Unter dem Projektnamen „Jumbotron“ seien einige der betroffenen Enzyme bereits Bestandteil einer Patentanmeldung aus dem Jahr 2023, in der er als Miterfinder aufgeführt sei.
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Der Forscher gab an, Claude über einen Zeitraum von fast vier Jahren zur Erstellung von Code und Manuskripten genutzt zu haben. Dabei seien dem Modell auch Entwürfe seiner Promotion sowie unveröffentlichte Daten und RNA-Ergebnisse zugeführt worden. Anthropic wies die Vermutung zurück, dass das System durch Nutzerdaten gelernt habe.
In einer Stellungnahme betonte das Unternehmen, dass Claude keine Gesprächsprotokolle für das Training verwende und das interne Biologie-Team keinen Zugriff auf solche Daten habe. Zudem habe man zum Zeitpunkt der Analyse keine Kenntnis von publizierten Studien zu ART-Systemen gehabt.
Skepsis in der Wissenschaftsgemeinschaft
Innerhalb der Fachwelt fielen die Reaktionen auf die Bekanntgabe der ersten Ergebnisse des Anfang 2026 gegründeten Life-Sciences-Labors von Anthropic gemischt aus. Seth Shipman von den Gladstone Institutes merkte an, dass das System vielen Forschern bereits bekannt gewesen sei.
Andere Wissenschaftler verwiesen darauf, dass die experimentelle Validierung der KI-Thesen noch ausstehe. Kritiker bemängelten zudem, dass der erste Bericht keine detaillierten Datensätze oder Belege für eine tatsächliche Funktion des Systems als Gene-Editing-Werkzeug enthielt.
Dagegen lobte Fyodor Urnov, Experte für Gen-Editierung an der UC Berkeley, die Initiative von Anthropic, die Welt über diese Funde zu informieren. Das Innovative Genomics Institute (IGI), dem Urnov angehört, kooperiert zwar mit Anthropic, war jedoch nach eigenen Angaben nicht an dieser spezifischen Entdeckung beteiligt.
Dario Amodei, Gründer von Anthropic, äußerte sich auf der Plattform X zuversichtlich über die künftige Rolle der KI in der Biologie. Er stellte in Aussicht, dass Claude künftig in der Lage sein könnte, Experimente über Laborgeräte eigenständig durchzuführen.
