Chronische Schmerzen: Sechs Monate Training senken Beschwerden bei 44 Prozent
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 10:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deUntersuchungen des Max-Planck-Instituts Leipzig liefern bemerkenswerte Einblicke in den Einfluss von Umwelt und Musik auf das menschliche Schmerzerleben. Im Rahmen einer Studie hielten 122 Besucher des Musikfestivals Wacken Open Air Kälteschmerz, getestet durch das Eintauchen von Hand und Unterarm in Eiswasser, nach mehreren Festivaltagen deutlich länger aus als direkt bei ihrer Ankunft.
Wie die Studien-Erstautorin Lydia Schneider erläuterte, fühlte sich der Schmerz für die Teilnehmenden keineswegs schwächer an; vielmehr stieg die Bereitschaft, den Reiz zu akzeptieren. Dieser Effekt zeigte sich besonders eindeutig bei Personen, die während des Festivals wenig oder nur moderat Alkohol konsumiert hatten.
Musikalische Ablenkung bei akuten Schmerzreizen
Auch am Universitätsspital Zürich untersuchten Forschende den Einfluss akustischer Reize auf das Schmerzempfinden. Bei 204 Patienten, denen vor einer MRT-Untersuchung eine Venenkanüle gelegt wurde, linderte das Abspielen persönlicher Lieblingsmusik die Beschwerden spürbar: Sowohl direkt nach dem Einstich als auch 30 Sekunden sowie zwei Minuten danach gaben die Probanden geringere Schmerzen an als ohne diese Begleitung.
Der Effekt war bei Betroffenen mit bereits vorbestehenden Schmerzen besonders ausgeprägt. Reine Entspannungsmusik führte hingegen zu keiner messbaren Schmerzlinderung.
Beide Studien analysierten allerdings ausschließlich kurzzeitige Reize. Inwiefern sich musikalische Interventionen und veränderte Wahrnehmungsbedingungen auf dauerhafte, chronische Schmerzzustände übertragen lassen, bleibt damit weiterhin Gegenstand offener Fragen.
Gezieltes Training dämpft chronische Beschwerden
Dass nicht-medikamentöse Strategien jedoch auch bei langanhaltenden Beschwerden messbare Erfolge erzielen können, verdeutlichen aktuelle klinische Studien zu Bewegungsprogrammen.
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An der University of British Columbia zeigte eine randomisierte kontrollierte Studie mit 46 Probanden den Nutzen eines personalisierten, überwachten Ausdauer- und Krafttrainings: Nach sechs Monaten verzeichneten rund 44 Prozent der Trainierenden eine klinisch signifikante Schmerzreduktion von mindestens 30 Prozent.
In der Kontrollgruppe, die ihre gewohnte Aktivität beibehielt, erreichten dies lediglich 12,5 Prozent. Neben der Schmerzdämpfung verbesserten sich in der Trainingsgruppe auch Vitalität, Alltagsfunktion und Stimmung.
Ähnliche Tendenzen beobachtete ein Forschungsteam der Aristotle University Thessaloniki bei 68 Erwachsenen mit Fibromyalgie. In einer Gruppe von 35 Personen, die über ein halbes Jahr hinweg dreimal wöchentlich an videogestützten Bewegungskursen mit Pilates-Elementen teilnahmen, sank der funktionelle Einschränkungsscore auf einer 100-Punkte-Skala von rund 59 auf etwa 51 Punkte, während die Kontrollgruppe bei einem Wert von circa 62 verharrte.
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Multimodale Ansätze rücken in den Fokus
Die Notwendigkeit vielfältiger Behandlungsansätze betonte auch die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) anlässlich des Weltschmerztags am 17. Oktober. In Österreich leben demnach rund 1,8 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen.
ÖSG-Präsident Richard Crevenna forderte einen flächendeckenden Ausbau interdisziplinärer Zentren sowie ambulanter Angebote. Eine moderne Schmerztherapie müsse medikamentöse, physikalische, trainingsbezogene und psychologische Maßnahmen kombinieren, wobei der Zugang für Betroffene keinesfalls vom Wohnort abhängen dürfe.
Ergänzend belegen Übersichtsarbeiten wie eine Analyse der University of Sydney das Potenzial weiterer Begleitfaktoren: Dort zeigte sich unter anderem, dass die Gabe schlaffördernder Substanzen wie Melatonin Schmerzen nach Operationen mindern und bei Muskel-Skelett-Beschwerden zu Verbesserungen beitragen kann.
Während bei akuten Belastungen psychologische Effekte und gezielte Ablenkung kurzfristig die Schmerztoleranz steigern, erfordert die Bewältigung chronischer Syndrome vor allem kontinuierliche, multimodale Konzepte.
