Chronische Schmerzen: Personalisierte Behandlung erzielt 38 Prozent mehr Erfolg
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 07:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Wechselwirkungen zwischen psychischer Belastung und körperlichen Beschwerden rücken zunehmend in den Fokus der medizinischen Versorgung. Vor diesem Hintergrund widmet sich eine Informationsveranstaltung unter dem Titel „Stress und Schmerzen“ am 4. November 2026 im St. Irmgardis-Krankenhaus Süchteln in Viersen den komplexen Zusammenhängen von Stressreaktionen, seelischem Befinden und Schmerzentstehung.
Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden bundesweit rund 12 Millionen Menschen unter langanhaltenden chronischen Schmerzen. Das Verständnis darüber, wie akute und chronische Stressreaktionen körperliche Leiden beeinflussen, bildet die Grundlage moderner Therapiekonzepte.
Chronifizierung und die Suche nach Versorgung
Schätzungen zufolge sind in Deutschland 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen von chronischen Beschwerden betroffen, je nach zugrunde liegender Definition sogar bis zu einem Drittel. Medizinisch wird ein Schmerzgeschehen ab einer Dauer von drei Monaten als chronisch eingestuft.
Rund die Hälfte der betroffenen Personen berichtet über spürbare Auswirkungen auf den Arbeits- und Lebensalltag, während mehr als 50 Prozent über zwei Jahre hinweg nach einer passenden Behandlung suchen.
Auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim, der unter dem Motto „Wandel bewegt“ stattfand, verdeutlichten Fachleute das Ausmaß der Belastung: Drei von vier Menschen mit chronischen Schmerzen liegen nachts regelmäßig wach. Fachärzte weisen darauf hin, dass eine kognitive Verhaltenstherapie bei chronischer Insomnie als Methode der Wahl gilt.
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Bei lang anhaltenden chronischen Schmerzen liegt die durchschnittliche Leidensdauer bei etwa sieben Jahren. Neben klassischen Ansätzen wird auch der Einsatz von Virtual Reality diskutiert, während bei spezifischen Krankheitsbildern wie der Fibromyalgie eine Prävalenz von über 2 Prozent verzeichnet wird.
Zudem erfüllen in Deutschland 15 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer Kriterien für Migräne, im erwerbsfähigen Alter liegt der Anteil bei den Frauen bei 25 bis 30 Prozent.
Neurobiologische Mechanismen und Gehirnaktivität
Dass Schmerz im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entsteht und schmerzbezogene Ängste die Wahrnehmung intensivieren können, belegen auch experimentelle Untersuchungen.
Eine im British Journal of Anaesthesia publizierte Untersuchung an 114 Erwachsenen mit chronischen Beschwerden im unteren Rücken zeigte, dass die Schmerzintensität nach einem bewegungsausgelösten Schmerzschub im Durchschnitt um 23 Prozent anstieg.
Die funktionelle Magnetresonanztomografie wies dabei eine erhöhte Aktivität im sogenannten Default-Mode-Netzwerk nach, die sich von den Reaktionen auf akute Hitzereize unterschied; stärkere Schmerzen gingen mit einer engeren funktionellen Vernetzung einher.
Auf zellulärer Ebene deuten tierexperimentelle Befunde aus Science Advances darauf hin, dass einmal entzündete Gelenke eine molekulare Erinnerung ausbilden können.
Demnach aktiviert Stress das sympathische Nervensystem, woraufhin braunes Fettgewebe Interleukin-6 ausschüttet. Dies führt über Fibroblasten der Gelenkschleimhaut zur Freisetzung von CXCL1 und lockt Neutrophile ins Gelenk – ein Vorgang, der auch in Phasen klinischer Remission und unabhängig von Lymphozyten ablaufen kann.
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Die Rolle von Umweltfaktoren und Lebensstil
Auch die physische Umgebung beeinflusst das Schmerz- und Belastungsempfinden. Ein am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein durchgeführtes Experiment mit 30 gesunden Erwachsenen ergab, dass Teilnehmende nach einem Spaziergang durch einen städtischen Grünraum über weniger Angst vor einer Verstärkung ihrer Schmerzen berichteten als nach dem Aufenthalt in dicht bebauten Arealen.
Auf breiterer Ebene warnte die Earth-Brain-Health Commission in Nature Mental Health vor den Einflüssen von Hitze, Verkehrslärm und Luftverschmutzung.
Nach Erhebungen des Deutschen Wetterdienstes gab es im Jahr 2025 bundesweit im Schnitt 11,1 heiße Tage mit mindestens 30 Grad, verglichen mit 4,2 Tagen in den Jahren 1961 bis 1990. Daten des Umweltbundesamts zur Lärmkartierung 2022 zeigten zudem, dass rund 14,9 Millionen Menschen nachts einem Verkehrslärm von mehr als 50 Dezibel ausgesetzt waren.
Britische Untersuchungen verdeutlichen ergänzend, dass bereits ein wöchentlicher Naturkontakt von mindestens 120 Minuten mit einer besseren Einschätzung des Wohlbefindens einhergeht.
Ansätze der multimodalen Schmerztherapie
Vor dem Hintergrund dieser Zusammenhänge betonen Fachgesellschaften die Relevanz fächerübergreifender Behandlungsformen. Eine Metaanalyse der Goethe-Universität Frankfurt ergab, dass eine personalisierte Schmerzbehandlung hinsichtlich der Schmerzlinderung 38 Prozent erfolgreicher abschnitt als eine reine Standard-Bewegungstherapie. Empfohlen wird eine multimodale Schmerztherapie, die Bewegung, physiotherapeutische Betreuung und psychologische Begleitung frühzeitig kombiniert.
Ziel solcher Ansätze ist es, den Teufelskreis aus körperlicher Schonung, Stress und Schmerzverstärkung zu durchbrechen. Die Informationsveranstaltung im St. Irmgardis-Krankenhaus Süchteln am 4. November greift diese Aspekte praxisnah auf, indem anhand von Fallbeispielen Wege der Stressbewältigung und die Grundlagen einer interdisziplinären Schmerztherapie erläutert werden.
