Chronische Schmerzen: Gezielte Bewegung senkt Beschwerden um 1,1 Punkte
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 10:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deKörperliche Aktivität erweist sich in der Schmerztherapie zunehmend als wirksameres Mittel als rein medikamentöse Behandlungen. Nach Untersuchungen der Adelaide University unter Leitung von Dr. Ben Singh führt gezielte Bewegung bei chronischen Schmerzen zu einer durchschnittlichen Schmerzreduktion von rund 1,1 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. Dies entspricht einer um rund 60 Prozent höheren Linderung als jene Werte, die gängige Schmerzmittel in separaten Studien erzielen, wenngleich hierbei kein direkter Vergleich vorliegt. Laut der Hochschule lebt in Australien etwa jede fünfte erwachsene Person sowie jedes fünfte Kind mit Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten.
Wirksamkeit verschiedener Bewegungsformen und Trainingsintensitäten
Die Analysen von Dr. Singh zeigen, dass fast alle untersuchten Bewegungsarten wirksam sind. Besonders ausgeprägte Effekte weisen dabei Pilates und Tai-Chi auf. Auch Tanzen zeigt sich als vielversprechend, wenngleich die Evidenzbasis hierfür bislang begrenzt ist.
Ein Fallbeispiel aus New South Wales verdeutlicht dieses Potenzial: Eine 78-jährige Patientin, die seit 18 Monaten unter Rücken- und Beinschmerzen litt, konnte durch ein Tanztraining ihre Beschwerden verringern und ihre Balance verbessern.
Zudem korrelieren laut den Forschenden der Adelaide University Programme mit geringer Intensität sowie Interventionen mit einer Dauer von unter zwölf Wochen mit einer stärkeren Schmerzreduktion. Nicolette Ellis, Vorsitzende von Chronic Pain Australia, betont in diesem Kontext, dass extreme Zyklen aus Überlastung und totaler Erschöpfung sowie das vollständige Vermeiden von Belastungen die Schmerzergebnisse verschlechtern.
Schonung birgt Risiken für die Rumpfstabilität
Fachleute warnen vor falscher Schonung. Nach Angaben des Hospital Universitari de Bellvitge ist bei tolerablem Schmerz ohne Warnzeichen körperliche Aktivität besser als Inaktivität. Eine absolute Ruhephase verstärke die Steifheit und führe zu einer Schwächung der Rumpfmuskulatur.
Als zentrale Hindernisse gelten Angst vor Bewegung und das Katastrophisieren von Symptomen. Empfohlen werden daher Gehen, Liegefahrräder, sanfte Mobilisation der Lendenwirbelsäule, angepasstes Pilates, Aktivitäten im Wasser sowie eine tägliche Rumpfaktivierung von 10 bis 15 Minuten.
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Multidisziplinäre Teams aus Ärzten, Physiotherapeuten und Psychologen werten die Kombination aus Schmerzedukation und Bewegung als wirksamste Strategie gegen Rückenschmerzen, die weltweit die führende Ursache für Behinderungen darstellen.
Auch der Rehabilitationsmediziner Min Yu hält eine vollständige Ruhe bis zum Abklingen von Rückenschmerzen meist für nicht förderlich. Er rät zu relativer Ruhe und zur Fortsetzung leichter Aktivitäten im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Treten jedoch während des Sports Schmerzen auf, solle das Training bis zur Erholung unterbrochen werden.
Dass viele invasive Eingriffe vermeidbar wären, unterstreichen Fachexperten in der Sendung „aktiv und gesund“ des Bayerischen Rundfunks: Bei unspezifischen Rückenschmerzen mit verhärteter Muskulatur und unklarer Ursache würden Patienten wiederholt überflüssig operiert, obwohl Physiotherapie, Bewegung und multimodale Schmerztherapie Betroffene oft ohne Operation rehabilitieren könnten.
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Fortschritte bei Arthrose, Fibromyalgie und Prävention
Die Mechanismen der Bewegungstherapie gewinnen auch auf zellulärer Ebene an Kontur. Eine Übersichtsarbeit von Pu, Yuan und Zhang im Journal of Inflammation Research beschreibt Arthrose – die weltweit häufigste Gelenkdegeneration und führende Ursache persistierender Schmerzen – nicht länger als passiven Verschleiß, sondern als metabolisch aktive Ganzgelenkerkrankung infolge fehlgeschlagener Mechanotransduktion.
Bewegung fungiere hier als physiologische Mechanotherapie, die das mechanosensitive Netzwerk von katabol-entzündlichen zu anabol-homöostatischen Zuständen verschiebe.
Differenzierte Effekte zeigen weitere wissenschaftliche Arbeiten:
- Eine Netzwerk-Metaanalyse von Zhang und Kollegen aus dem Jahr 2026, basierend auf 43 randomisierten Studien, ergab, dass traditionelle chinesische Übungen wie Tai-Chi, Yijinjing, Baduanjin und Wuqinxi chronische unspezifische Kreuzschmerzen nur in Kombination mit konventioneller Therapie reduzierten, bei niedriger bis moderater Evidenzsicherheit.
- Eine randomisierte Untersuchung in der Fachzeitschrift Pain Medicine bei Frauen mit chronischem unspezifischem Kreuzschmerz wies nach, dass Pilates allein sowie Pilates kombiniert mit kognitiver funktioneller Therapie Schmerz, Behinderung, Bewegungsangst und Rumpfausdauer verbesserten.
Die zusätzliche Therapieform brachte spezifische Vorteile bei Bewegungsangst und Rumpfausdauer.
- Bei 68 Erwachsenen mit Fibromyalgie führte eine sechsmonatige, überwachte Telerehabilitation in einer Studie von Marantidou und Kollegen zu signifikanten Verbesserungen bei Schlafqualität (p < 0,001), Depressionssymptomen (p = 0,002), Stresserleben (p = 0,028) und den allgemeinen Krankheitsauswirkungen (p < 0,001) bei einer Teilnahmequote von 87,5 Prozent. Die Angstwerte veränderten sich nicht signifikant (p = 0,701).
Dass multimodale Ansätze auch präventiv wirken, belegen Ergebnisse des Projekts PAIN2.0 der Deutschen Schmerzgesellschaft und der BARMER vom 21. Oktober 2026. Das zehnwöchige Programm A-IMST, das medizinische, psychologische und physiotherapeutische Elemente verknüpft, verbesserte laut Ulrike Kaiser vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck Schmerzen, schmerzbedingte Einschränkungen, Katastrophisieren und Stresserleben über bis zu neun Monate statistisch signifikant.
Kaiser forderte vor diesem Hintergrund einen Paradigmenwechsel hin zu einer frühzeitigen Versorgung, die Prävention als eigenständiges Ziel verankert.
