Chronische Schmerzen: Bis zu 80 Prozent der Betroffenen schlafen schlecht
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deKörperliche Verspannungen und Schmerzen beruhen häufig nicht allein auf rein mechanischen Fehlbelastungen. Fachbeiträge und Untersuchungen verdeutlichen zunehmend, wie eng psychische Belastungen, das vegetative Nervensystem und das kollagene Bindegewebe zusammenhängen. Chronischer Stress überträgt sich direkt auf muskuläre und fasziale Strukturen und kann dort anhaltende Beschwerden hervorrufen.
Reaktionen des Fasziengewebes auf anhaltende Anspannung
Faszien durchziehen als elastisches Netzwerk den gesamten Körper und reagieren empfindlich auf äußere wie innere Reize. Nach Einschätzung von Fachtrainern für Myofascial Release spiegelt sich körperliche wie emotionale Spannung rasch im Gewebe wider, wo sie sich in Form von fibrotischen Verhärtungen manifestieren kann.
Um verklebte Faszien wieder gleitfähig zu machen und das überreizte Nervensystem zu beruhigen, wird eine sanfte und schrittweise Dehnung empfohlen. Ein forciertes oder schmerzhaftes Dehnen könne hingegen das Gegenteil bewirken und das Stressniveau weiter ansteigen lassen.
Dass psychischer Druck die Bewegungsabläufe verändert, zeigte auch eine Untersuchung der Universität Ohio: Probanden unter erheblichem verbalem Druck aktivierten beim Heben von Lasten unpassende Muskelpartien, während ein bewusster Abbau von Spannungszuständen ein physiologisch korrektes Bewegungsmuster bewahrte.
Der Psoas-Muskel als Bindeglied zwischen Emotion und Körper
Eine zentrale Rolle bei der Somatisierung von Stress nimmt der Psoas ein. Dieser Muskel verbindet die Lendenwirbelsäule mit dem Oberschenkelknochen und steht über das Zwerchfell in engem funktionellen Austausch mit der Atmung sowie dem zentralen Nervensystem. Anhaltender Stress hält diesen Bereich dauerhaft angespannt und verkürzt.
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Die Folgen einer dauerhaften Psoas-Verkürzung reichen von Rücken-, Kreuz-, Knie- und Hüftschmerzen über Haltungsstörungen und funktionelle Beinlängendifferenzen bis hin zu flacher Atmung, Erschöpfung, Menstruationskrämpfen und Verdauungsproblemen.
Zudem wird eine chronische Überlastung dieses Muskels eng mit Angstzuständen assoziiert. Fachleute raten in diesem Zusammenhang zu gezielten Entlastungsübungen wie Wirbelsäulendehnungen, Ausfallschritten oder dem Heranziehen der Knie zur Brust.
Hilfreich sei zudem eine tägliche sogenannte konstruktive Ruhe von ein bis zwei Minuten sowie regelmäßige Bewegungspausen mindestens einmal pro Stunde. Bei längeren Fahrradtouren werden Stopps alle drei Stunden mit jeweils zehnminütigem Gehen empfohlen.
Chronifizierung und systemische Auswirkungen
Halten Beschwerden länger als drei Monate an, spricht die Schmerzmedizin von einem chronischen Verlauf, bei dem der Schmerz seinen reinen Warncharakter verliert und selbst zur Erkrankung wird. Psychotherapeuten weisen darauf hin, dass depressive Störungen das Risiko einer solchen Chronifizierung bei Kreuzschmerzen erhöhen können. Schmerz kann dabei als körpereigenes Alarmsignal dienen, wenn psychische Grenzen überschritten werden.
Verstärkt wird das Schmerzempfinden zusätzlich durch negative Denkmuster, Erschöpfung und Schlafstörungen. Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden bis zu 80 % der Patienten mit chronischen Schmerzen unter Schlafstörungen.
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Treten über mehr als drei Monate hinweg diffuse Ganzkörperschmerzen in Kombination mit Fatigue und Schlafproblemen auf, kann zudem ein Fibromyalgiesyndrom vorliegen, dessen multifaktorielle Ursachen von zentraler Sensibilisierung über genetische Einflüsse bis zu psychischem Stress reichen.
Myofasziale Blockaden können darüber hinaus vegetative Fernwirkungen entfalten. So können Reizungen des Nervus Vagus oder Zwerchfellverspannungen mit Zugwirkung auf den Herzbeutel das Entstehen von Extrasystolen begünstigen. Erhöhte Spiegel von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin senken parallel dazu die Reizschwelle des Herzmuskels.
Multimodale Ansätze und Informationsangebote
Für eine dauerhafte Besserung reichen rein mechanische Eingriffe oft nicht aus. Experten empfehlen daher integrative Ansätze, die physische Bewegung mit Atmung und mentaler Achtsamkeit verknüpfen. Auch Entspannungsverfahren, kognitive Umstrukturierungen und Schmerzpsychotherapie gelten als wesentliche Säulen der Behandlung.
Zur Aufklärung über diese Zusammenhänge veranstaltet das Unterallgäuer Gesundheitsamt am 19. November von 18.30 bis 21 Uhr im Landratsamt Unterallgäu in Mindelheim einen kostenlosen Workshop zum Thema Faszien, Stress und Schmerzentstehung. Anmeldungen für den von Tobias Dannhart geleiteten Vortrag sind online über die Website des Landkreises möglich.
