Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: Bewegung lindert laut Adelaide-Analyse stärker als Medikamente

Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 01:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine Analyse sieht Bewegung als wirksame Schmerzoption; zugleich entstehen neue Therapieangebote und spezialisierte Versorgungsstrukturen.

Chronische Schmerzen: Bewegung, neue Therapien und Versorgung im Fokus
Ein heller, minimalistischer Physiotherapieraum mit leeren Übungsmatten in einer ruhigen, professionellen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Die Diagnose und Behandlung langjähriger chronischer Schmerzzustände stellt das Gesundheitswesen vor erhebliche Herausforderungen. Kürzlich veröffentlichte Berichte unterstreichen in diesem Zusammenhang die wachsende Bedeutung interdisziplinärer Lösungsansätze sowie den therapeutischen Stellenwert nicht-medikamentöser Interventionen.

Während die Abgrenzung zwischen nozizeptiven, neuropathischen und nociplastischen Schmerzmechanismen an Komplexität gewinnt, rücken neue Studien die Wirksamkeit von Bewegung und spezialisierten Wirkstofftherapien in den Mittelpunkt.

Evidenz für Bewegungstherapie gegenüber Medikation

Eine umfassende Analyse der Universität Adelaide deutet darauf hin, dass gezielte Bewegung akute und chronische Schmerzen in einem ähnlichen Maße lindern kann wie gängige Schmerzmittel.

Wie aus einem Bericht vom 26. September 2026 hervorgeht, wertete ein Team unter der Leitung von Carol Maher und Studienleiter Ben Singh 157 systematische Übersichtsarbeiten aus, die insgesamt 2.736 randomisierte kontrollierte Studien mit über 220.000 Teilnehmenden umfassten.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Schmerzempfinden durch körperliche Aktivität im Durchschnitt um etwa 1,1 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10 sank. Dies entspreche einer rund 60 Prozent stärkeren Linderung im Vergleich zur durchschnittlichen Wirkung gängiger Medikamente in ähnlichen Studien zu chronischen Schmerzen.

Besonders effektiv erwiesen sich laut den Forschern Programme mit niedriger Intensität sowie kürzere Intervalle von etwa 12 Wochen. Zudem erzielten Trainingsangebote mit weniger als 120 Minuten Bewegung pro Woche bessere Resultate als deutlich zeitintensivere Einheiten.

Anzeige

Wer gezielt gegen körperliche Beschwerden vorgehen möchte, profitiert oft schon von sehr kurzen, aber effektiven Trainingseinheiten für den Alltag. Dieser kostenlose Ratgeber stellt 17 einfache Übungen vor, die in nur 3 Minuten täglich den Muskelaufbau fördern und Schmerzen vorbeugen können. 17 effektive 3-Minuten-Übungen kostenlos anfordern

Neue Partnerschaften und Wirkstoffe in der Schmerztherapie

Parallel zu bewegungstherapeutischen Ansätzen entwickeln sich die pharmakologischen Optionen weiter. Das Münchener Unternehmen Vertanical hat für den Vertrieb des Cannabis-Arzneimittels Exilby eine Allianz mit Viatris in Deutschland geschlossen.

Das Präparat, ein Extrakt aus Cannabisblüten, ist für die Behandlung chronischer Kreuzschmerzen mit radikulärer oder neuropathischer Komponente zugelassen. Die Zulassung stützt sich auf zwei Phase-3-Studien mit mehr als 1.200 Patienten.

Eine placebokontrollierte Untersuchung belegte eine Schmerzlinderung über einen Zeitraum von 12 Monaten sowie Verbesserungen der Schlafqualität und Mobilität. In der Vergleichsstudie „Elevate“ zeigte das Präparat gegenüber Opioiden eine stärkere Schmerzreduktion bei gleichzeitig besserer Verträglichkeit.

Ergänzend dazu untersuchen Forscher den Nutzen traditioneller Ansätze. Eine in der Fachzeitschrift „Phytotherapy Research“ veröffentlichte Übersichtsarbeit wies auf den therapeutischen Nutzen verschiedener Präparate der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bei rheumatoider Arthritis hin.

Wirkstoffe wie Wilfords Dreiflügelfrucht oder das Baikal-Helmkraut zeigten in Studien eine Verbesserung der Gelenkfunktion durch die Unterdrückung proinflammatorischer Zytokine.

Anzeige

Neben pflanzlichen Wirkstoffen bietet auch die Akupressur als Teil der traditionellen Heilkunde wirksame Ansätze zur natürlichen Linderung von Gelenkbeschwerden. Erfahren Sie in diesem bebilderten Guide, wie Sie mit gezielten Druckpunkten Arthrose-Schmerzen ohne Hilfsmittel selbst aktiv lindern können. Kostenlosen Arthrose-Druckpunkt-Guide herunterladen

Ausbau spezialisierter Zentren und interdisziplinärer Strukturen

Die Notwendigkeit fachübergreifender Kooperationen zeigt sich auch in der regionalen Versorgungslandschaft. In Osnabrück gründeten das Marienhospital der Niels-Stensen-Kliniken und das Klinikum Osnabrück ein gemeinsames, von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Kopf-Hals-Tumorzentrum. Unter der Leitung von Prof. Dr. Konrad Sommer und Priv.-Doz. Dr. Dr. Kai Wermker werden dort komplexe Tumore im Gesicht- und Halsbereich behandelt.

Im Bereich der neurologischen Schmerztherapie wurde die Praxis der Neurologinnen Lea Friedrich und Marie-Aline Eden in Ravensburg als Kopfschmerzzentrum zertifiziert. Friedrich betonte, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung unter Migräne leiden.

Auch hier spielt der Lebensstil eine zentrale Rolle: Ein dreimal wöchentliches Ausdauertraining von jeweils 30 Minuten könne die Migränehäufigkeit ähnlich stark reduzieren wie eine medikamentöse Prophylaxe.

Für die Rehabilitation stehen spezialisierte Einrichtungen wie die KMG Elbtalklinik Bad Wilsnack zur Verfügung, die jährlich etwa 3.400 Rehabilitanden mit orthopädischen und rheumatischen Schwerpunkten betreut. Der Personalbedarf in diesem Sektor bleibt hoch; so sucht etwa die m&i-Fachklinik Bad Liebenstein aktuell Fachkräfte für die multimodale Schmerztherapie.

Sozioökonomische Kosten und Versorgungsengpässe

Trotz medizinischer Fortschritte bleiben die gesellschaftlichen Belastungen durch chronische Erkrankungen hoch. Schätzungen der ME/CFS Research Foundation zufolge verursachen ME/CFS und Long COVID allein im Jahr 2025 gesellschaftliche Kosten in Höhe von 64,5 Milliarden Euro.

In Deutschland sind mindestens 650.000 Menschen betroffen, für die bislang keine flächendeckende Versorgung oder spezifische Medikamente existieren. Das Bundesgesundheitsministerium stellt im Rahmen einer Forschungsdekade 118 Millionen Euro für 34 Projekte bereit.

In Österreich wurde unterdessen ein nationaler Aktionsplan erarbeitet, der unter anderem ein spezialisiertes Behandlungszentrum in Wien ab 2027 vorsieht.

Ein weiterer Trend in der Schmerztherapie zeigt sich bei der Zunahme von Aufbissschienen. Die AOK Bayern verzeichnete in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 einen Anstieg der Versorgungen um 6,1 Prozent.

Experten wie die Zahnärztin Dr. Michaela Brandner raten bei muskulären Beschwerden zu einem interdisziplinären Weg unter Einbeziehung von Osteopathen und Physiotherapeuten, während Psychotherapeuten vor einer Überversorgung mit technisch hochgerüsteten Schienen warnen.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70190735 |