Chronische Schmerzen: Bewegung lindert laut Adelaide-Analyse stärker als Medikamente
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 02:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Chronische Erkrankungen belasten nicht nur den Körper, sondern zunehmend auch die Psyche. Gesundheitsanbieter reagieren darauf mit einem breiten Angebot an Entspannungs- und Bewegungskursen, das von Krankenhäusern über Volkshochschulen bis zu Kommunen reicht. Aktuelle Studien liefern zugleich Hinweise darauf, warum solche Ansätze wirken können und wo ihre Grenzen liegen.
Entspannungsangebote für Krebspatientinnen
Am BrustZentrum MülheimOberhausen findet am 5. Oktober 2026 ein Entspannungskurs für Brustkrebspatientinnen statt, der im EKO in der Virchowstraße 20 um 16 Uhr beginnt. Heilpraktikerin Nicole Möller vermittelt dabei Traumreisen, progressive Muskelentspannung, Tai Chi und Qigong.
Der Kurs dauert 60 Minuten, findet monatlich statt und ist auf maximal 10 Teilnehmende begrenzt. Die Kosten liegen bei 15 Euro pro Person und Kurseinheit, eine Anmeldung bei Breast Care Nurse Helga Steines ist erforderlich.
Auch außerhalb der Onkologie wächst das Angebot an alternativen Entspannungsmethoden: Die VHS Großhansdorf bietet am 6. Oktober 2026 ein Einführungsseminar zur EFT-Klopfakupressur zum Stressabbau an, das von 18:30 bis 21:00 Uhr in der Friedrich-Junge-Schule stattfindet und 20 Euro kostet.
Große Kampagnen und niedrigschwellige Zugänge
Die KKH startet vom 5. bis 9. Oktober 2026 ihre Mental Health Week mit kostenfreiem Zugang zu mehr als 40 Angeboten – eine Initiative, die angesichts von rund 1,5 Millionen Versicherten der Kasse eine breite Wirkung entfalten soll.
Die Stadt Schweinfurt bietet ab dem 30. September 2026 mit „Sport vor Ort“ ein kostenloses, anmeldefreies Format zur Rückenstärkung und zum Stressabbau an. In Wien lief bereits vom 22. bis 26. September 2026 die Aktionswoche „Gesund im Stuwerviertel“ mit 17 beteiligten Grätzel-Betrieben, finanziert über den Landesgesundheitsförderungsfonds der Stadt Wien und die Sozialversicherung.
Der Landkreis Stade wiederum stellt Jobcenter-Kundinnen und -Kunden Gutscheine für kostenlose Gesundheitskurse zur Verfügung, während der Versicherer GRAWE mit dem Paket MyMEDpro alle zwei Jahre ein frei wählbares Leistungspaket zur Förderung der mentalen Gesundheit anbietet.
Rehabilitation als struktureller Baustein
Einen anderen Schwerpunkt setzt die KMG Elbtalklinik Bad Wilsnack, die zu einem Tag der offenen Tür zur Rehabilitation nach Erkrankungen, Operationen und Unfällen einlädt. Die Klinik verfügt über 223 Betten und rund 145 Mitarbeitende und behandelt jährlich etwa 3.400 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden.
Im Zentrum stehen Erkrankungen des Bewegungsapparats, darunter orthopädische und rheumatologische Leiden. Das individuelle Angebot umfasst Physio- und Ergotherapie, Training, Entspannung und Achtsamkeit; eine Anschlussrehabilitation ist sowohl stationär als auch ganztägig ambulant möglich.
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Was die Forschung über Bewegung und Schmerz zeigt
Wissenschaftliche Befunde untermauern den Trend zu ganzheitlichen Ansätzen. Eine Auswertung der Universität Adelaide, die 157 systematische Übersichtsarbeiten mit 2.736 randomisierten kontrollierten Studien und mehr als 220.000 Teilnehmenden umfasste, zeigt, dass Bewegung Schmerzen im Durchschnitt um etwa 1,1 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10 senkte – rund 60 Prozent stärker als die durchschnittliche Linderung durch gängige Medikamente in vergleichbaren Studien zu chronischen Schmerzen.
Besonders wirksam zeigten sich niedrig intensive und etwa zwölfwöchige Programme sowie Angebote mit weniger als 120 Minuten Bewegung pro Woche. Die Forschenden betonen jedoch, dass die Wirkung von Ursache, Fitness und Teilnahme abhängt und Bewegung kein Allheilmittel darstellt.
Die Deutsche Schmerzgesellschaft definiert Schmerz als chronisch, wenn er länger als drei Monate anhält. Laut Ulrike Kaiser können Stress, negative Gedanken, Depressionen und Schlafstörungen das Schmerzempfinden verstärken; bis zu 80 Prozent der Betroffenen leiden zusätzlich unter Schlafstörungen.
Empfohlen werden individuell angepasste Bewegung, soziale Kontakte, Entspannung, Achtsamkeit, Selbstwertstärkung, Selbsthilfegruppen sowie gegebenenfalls Schmerzpsychotherapie oder interdisziplinäre Behandlung.
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Soziale Nähe als Stresspuffer
Auch soziale Bindungen scheinen eine körperliche Wirkung zu entfalten. Eine in Science Advances veröffentlichte Studie der Hebrew University Jerusalem mit mehr als 100 Erwachsenen zeigt, dass sich der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit mit dem Partner schneller normalisierte als nach dem Essen allein.
Auch körperliche Stressreaktionen auf Kälte oder leichte Elektroschocks klangen in Anwesenheit des Partners schneller ab. Bei Säuglingen im Alter von 3 bis 13 Monaten ging die Reaktion auf einen lauten Ton in Begleitung der Mutter schneller zurück – wobei einzelne Teilnehmende in Gesellschaft auch ungünstiger reagierten.
Wachsender Stressdruck als Hintergrund
Eine repräsentative Umfrage der KKH unter 1.005 Versicherten ab 18 Jahren zeigt, dass 54 Prozent heute mehr Stress empfinden als vor ein bis zwei Jahren. Als Folgen nennen die Befragten Müdigkeit oder Schlafstörungen (61 Prozent), Erschöpfung oder Ausgebranntsein (57 Prozent) sowie gedrückte Stimmung (mehr als ein Drittel).
Fast 70 Prozent halten langfristige Gesundheitsvorsorge für wichtig, doch nur knapp ein Drittel nimmt sich dafür auch in hektischen Zeiten Zeit. 43 Prozent nennen fehlende Erholung als großen Belastungsfaktor.
Angesichts dieser Zahlen erscheint die wachsende Zahl an Entspannungs-, Bewegungs- und Reha-Angeboten als Reaktion auf einen konkreten Bedarf: Die Kombination aus Bewegung, sozialer Nähe und mentaler Entlastung wird zunehmend als ergänzender Baustein neben der klassischen medizinischen Behandlung chronischer Erkrankungen verstanden.
