Chronische Schmerzen: 86% bekommen Medikamente, kaum Therapie
18.06.2026 - 20:51:58 | boerse-global.de
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Anforderungen für das Disease-Management-Programm (DMP) bei chronischen Rückenschmerzen überarbeitet. Ziel ist es, die Behandlung an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse anzupassen und die Eigeninitiative der Betroffenen zu stärken.
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Bewegung statt Schonhaltung
Grundlage der Neugestaltung ist eine Auswertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Experten analysierten 425 Empfehlungen aus elf klinischen Leitlinien.
Ein zentraler Punkt: Die Förderung körperlicher Aktivität. Die neuen Vorgaben sollen ein sogenanntes Angst-Vermeidungs-Verhalten verhindern. Patienten werden ermutigt, trotz Schmerzen aktiv zu bleiben. Das soll eine weitere Chronifizierung und Mobilitätsverlust verhindern. Verhaltenstherapeutische Ansätze und Schmerzaufklärung rücken damit in den Mittelpunkt.
Umsetzung noch in der Warteschleife
Trotz der inhaltlichen Aktualisierung: Eine Einschreibung für Versicherte ist derzeit noch nicht möglich. Es fehlen Verträge zwischen Krankenkassen und Ärzten auf Basis der neuen Anforderungen.
Das Programm für chronischen Rückenschmerz ist eines von fünf beschlossenen DMP – neben Adipositas, Herzinsuffizienz und Depression –, deren praktische Umsetzung noch aussteht. Acht etablierte Programme sind dagegen bereits im System verankert. Rund 7,9 Millionen Versicherte nehmen daran teil. Zum Vergleich: Das DMP für Osteoporose startete im November 2023 in Sachsen-Anhalt mit rund 160 Hausärzten und 30 Fachärzten.
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Schmerztherapie: Medikamente dominieren
Eine Studie der Medizinischen Universität Graz zeigt, warum strukturierte Programme nötig sind. Die Daten aus den Jahren 2021 bis 2023 belegen: 90 Prozent der Akutpatienten und 86 Prozent der chronisch Schmerzkranken erhielten Medikamente.
Nicht-medikamentöse Therapien kamen deutlich seltener zum Einsatz. Physiotherapie wurde bei rund 40 Prozent der Patienten angewandt. Alternative Verfahren spielten bei weniger als zehn Prozent eine Rolle. Chronische Schmerzpatienten sind im Schnitt älter (73 Jahre vs. 66 Jahre bei Akutfällen) und leiden häufiger an Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Problemen.
Milliardenloch in der GKV
Die Weiterentwicklung der Programme findet vor dem Hintergrund angespannter Finanzen statt. Experten prognostizieren für 2027 ein Defizit von rund 18,8 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Der aktuelle Entwurf des GKV-Spargesetzes deckt ein Volumen von etwa 16,3 Milliarden Euro ab. Kassenvertreter fordern Nachschärfungen. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Leistungsausgaben im Klinikbereich um 9,4 Prozent, bei Arztpraxen um 7,3 Prozent. Um die Effizienz zu steigern, schlagen die Kassen eine elektronische Terminbörse für dringende Facharzttermine und verpflichtende Bedenkzeiten bei privaten Zusatzleistungen (IGeL) vor.
