Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: 1,8 Millionen Betroffene in Österreich brauchen mehr Hilfe

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 04:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschungsergebnisse belegen Vorteile psychologischer Unterstützung bei Schmerzen; die ÖSG verlangt mehr interdisziplinäre Versorgung.
Ein minimalistischer, heller Behandlungsraum in einer Klinik mit natürlichem Lichteinfall und einer Pflanze. Illustration mit AI erstellt.

Die Wechselwirkungen zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Symptomen rücken verstärkt in den Fokus der medizinischen Fachwelt. Fachquellen diskutieren zunehmend die Notwendigkeit, diesen Teufelskreis durch interdisziplinäre und ganzheitliche Therapiekonzepte systematisch zu durchbrechen.

Da körperliche Beschwerden wie chronische Schmerzen und seelische Belastungen sich oft gegenseitig verstärken, fordern Experten eine engere Verzahnung somatischer und psychologischer Behandlungsstrategien.

Psychosomatische Ansätze im Leistungssport

Einen konkreten Einblick in diese Dynamik geben Fachleute aus der Praxis. Jonas Tesarz und Ulrich Boenisch von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz erklären einen besseren Umgang mit chronischen Schmerzen bei Profi- und Breitensportlern, die ungeachtet ihrer Schmerzen weiter trainieren.

Die Experten thematisieren dabei die Mechanismen, die zu einer Chronifizierung beitragen können, wenn Schmerzsignale dauerhaft ignoriert werden, und wie spezialisierte psychosomatische Strategien hier gegensteuern können.

Klinische Belege für psychologische Unterstützung

Der Nutzen einer gezielten Einbindung der Psyche in die somatische Behandlung wird durch aktuelle wissenschaftliche Erhebungen untermauert. Eine Übersichtsarbeit belegt, dass psychische Unterstützung nicht nur die klinischen Ergebnisse und die Therapietreue verbessert, sondern auch die Rekonvaleszenz fördert. In der Routineversorgung zeigten sich dabei Effektstärken von d=0,96 bei Depression, d=0,80 bei Angst sowie d=1,01 bei sonstigen Outcomes.

Zudem weisen Daten zur Online-Therapie darauf hin, dass 92,3 Prozent der Teilnehmenden eine verlässliche Besserung oder Genesung erreichten. Die Remission nach der Behandlung lag bei 61,7 Prozent, während bei der Abschlussbewertung nach einer mittleren Beobachtungsdauer von 68 Tagen 89,0 Prozent eine Besserung oder Genesung aufwiesen.

In Jugenddiensten zeigte sich bei 70,96 Prozent der Fälle eine Besserung in mindestens einem Outcome, 56,35 Prozent erreichten eine verlässliche Besserung und 51,72 Prozent eine klinisch relevante Besserung; für Peer-Support wurde ein Wert von g=0,19 ermittelt.

Auch bei körperlichen Heilungsprozessen greifen psychologische Interventionen: Bei Psoriasis-Patienten nach einem operativen Eingriff wurde eine standardisierte Mittelwertdifferenz von SMD=2,31 für eine schnellere Wundheilung festgestellt.

Achtsamkeit und emotionale Regulation

Weitere Forschungsprojekte widmen sich der Methodik im therapeutischen Setting. Eine Studie der Universität Heidelberg unter der Leitung von Johannes Mander und Julia Kalmar am Zentrum für Psychologische Psychotherapie untersuchte 90 Jugendliche im Alter von elf bis 19 Jahren, die unter Depressionen, Angststörungen oder ADHS litten.

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Die Teilnehmenden wurden randomisiert auf drei Gruppen aufgeteilt. Zwar sanken die Symptome in allen drei Gruppen, doch fiel der Rückgang in der Achtsamkeitsgruppe stärker aus als ohne strukturierte Sitzungseinleitung, während kein signifikanter Unterschied zu Entspannungsübungen festgestellt wurde.

In der Achtsamkeitsgruppe, deren Ergebnisse am 29. August 2026 im Journal of Clinical Psychology publiziert wurden, absolvierten die Jugendlichen in 24 Sitzungen zu Beginn jeweils fünf bis zehn Minuten Achtsamkeitsübungen wie Atemübungen, Body Scan oder Gehübungen.

Aus Sicht der Jugendlichen entwickelte sich die therapeutische Beziehung dadurch positiver, während sie in der Kontrollgruppe leicht abnahm. Seitens der Therapeuten wurden diesbezüglich keine Unterschiede wahrgenommen.

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Für chronische Schmerzen, die mit Angst und Depression einhergehen, liefert zudem eine im European Journal of Pain im Jahr 2026 veröffentlichte Untersuchung zur emotionszentrierten Therapie relevante Zahlen: 87 Prozent der Teilnehmenden sprachen auf mindestens einem Bewertungsitem an, 55 Prozent auf drei oder mehr Items und etwa ein Drittel verbesserte sich in mehreren Bereichen.

In der Gesamtanalyse zeigte sich ein signifikanter Effekt auf die Schmerzbeeinträchtigung im Alltag. Es gab jedoch weniger Responder bei unregelmäßiger Teilnahme und geringeren Fortschritten in der späteren Therapiephase; als Limitationen wurden das Fehlen eines Kontrollarms und eine kleine Teilnehmerzahl genannt.

Biologische Schnittstellen und strukturelle Forderungen

Auf molekularer Ebene liefert eine am 17. Oktober 2026 in Science Advances veröffentlichte Studie der Chiba-Universität Einblicke in die Stress-Schmerz-Kaskade. Bei Mäusen mit remittierter Arthritis löste psychischer Stress ein Rezidiv aus.

Verantwortlich dafür ist eine Sympathikus-Aktivierung, die zu einer IL-6-Produktion im braunen Fettgewebe führt, was über gp130 Synovialfibroblasten stimuliert, die CXCL1-Ausschüttung anregt und so eine Neutrophilen-Einwanderung sowie den Rückfall bedingt.

Die Blockade des Beta-3-Adrenorezeptors beziehungsweise von IL-6 hemmte diesen Rückfall. Beim Menschen zeigte sich diese Korrelation zwischen psychischem Stress und Krankheitsaktivität nur bei Trägern des normalen Gens für den Beta-3-Adrenorezeptor, nicht jedoch bei der Niedrigreaktions-Variante.

Als künftige Angriffspunkte gelten der CXCR2- und der ADRB3-Rezeptor. Studienautor Nakajima betonte, dass Gelenke mit früherer Entzündung eine molekulare Erinnerung behalten und Therapien über stressresponsive Signalwege möglich seien, ohne das gesamte Immunsystem zu unterdrücken.

Vor diesem Hintergrund fordern Fachgesellschaften strukturelle Konsequenzen. Anlässlich des Weltschmerztags am 17. Oktober 2026 wies die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) darauf hin, dass rund 1,8 Millionen Menschen in Österreich von chronischen Schmerzen betroffen sind.

ÖSG-Präsident Richard Crevenna forderte, den Blick über die reine Schmerzintensität hinaus auf Beweglichkeit, Selbstständigkeit, Schlafqualität und gesellschaftliche Teilhabe zu richten.

Dafür seien ein flächendeckender Ausbau interdisziplinärer und multimodaler Schmerzzentren, mehr ambulante Angebote sowie eine nachhaltige Verbesserung der schmerzmedizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung notwendig.

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