Chronische Leiden: 20% der Patienten haben keine Arztkoordination
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 16:07 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im Rahmen des Welttags der Patientensicherheit am 17. September 2026 setzen sich zahlreiche Akteure des Gesundheitswesens für eine grundlegende Reform der Fehlerkultur und eine optimierte Betreuung chronisch kranker Menschen ein. Während Patientenorganisationen gesetzliche Neuregelungen fordern, implementieren Klinikverbünde und Fachgesellschaften verstärkt sektorübergreifende Maßnahmen zur Risikominimierung.
Forderungen nach strukturellem Wandel und Transparenz
Der Verein Fokus Behandlungsfehler e.V. fordert anlässlich des Aktionstags am 17. September 2026 weitreichende gesetzliche Änderungen. Im Zentrum steht die Einführung einer Offenlegungspflicht sowie die Etablierung einer lernorientierten Sicherheitskultur, einer sogenannten „Just Culture“.
Ziel sei ein Systemwandel, der langjährige Gerichtsverfahren vermeidet. Die Vorstandsvorsitzende Michelle Bayona betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit einer Reform des Arzthaftungsrechts nach dänischem Vorbild.
Zudem spricht sich die Organisation für die Einführung eines bundesweiten Registers für schwerwiegende, vermeidbare Ereignisse (Never-Event-Register) aus. Dabei verwies der Verein darauf, dass England derartige Ereignisse bereits seit Jahren systematisch erfasst. In Deutschland wurden laut den Angaben bereits drei Register-Projekte durch den Innovationsfonds ausgewählt.
Standards in der Arzneimitteltherapie und stationären Versorgung
Ein wesentlicher Aspekt der Patientensicherheit betrifft die Medikation. Der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), der mehr als 90 % der Krankenhausapotheker in Deutschland vertritt, setzt hierbei auf drei etablierte Standards für das Aufnahme-, Stationär- und Entlassmanagement.
ADKA-Präsident Dr. Jochen Schnurrer unterstrich die Bedeutung der korrekten Arzneimittelwahl, der präzisen Dosierung und des richtigen Zeitpunkts über den gesamten Behandlungsverlauf hinweg.
Ergänzend weist der Landesapothekerverband Baden-Württemberg auf die Risiken fehlerhafter Medikamenteneinnahme hin. Wechselwirkungen mit Lebensmitteln wie Grapefruitsaft oder Kaffee könnten die Wirkung beeinträchtigen. In Baden-Württemberg stehen für die Beratung rund 15.000 Fachangestellte in gut 2.000 öffentlichen Apotheken zur Verfügung.
Im klinischen Alltag setzen Betreiber wie Asklepios auf umfassende Sicherheitsprogramme. Diese beinhalten unter anderem Patientenidentifikationsarmbänder, OP-Sicherheitschecklisten sowie ein Fehlermeldesystem (CIRS).
Ein Projekt zur Vermeidung von Fehlmedikationen, die Initiative „STOP-Injekt: Check!“, wurde bereits 2021 mit dem zweiten Platz beim Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet. Am 16. September 2026 wurden zudem Klinikgebäude des Verbunds als sichtbares Zeichen orange angestrahlt.
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Herausforderungen bei der Koordination chronischer Leiden
Besonderes Augenmerk gilt der Versorgung chronisch kranker Menschen, etwa Patienten mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) fordert unter der Leitung von Johannes Steinhart und Artur Wechselberger eine strukturierte Betreuung unter hausärztlicher Kontrolle sowie eine verbesserte Behandlungskontinuität.
Defizite in der Koordination verdeutlicht eine forsa-Umfrage im Auftrag der KKH unter mehr als 1.000 Befragten. Demnach verfügen 20 % der Patienten im Alter zwischen 18 und 70 Jahren über keine koordinierende Arztpraxis.
Mehr als die Hälfte der Befragten suchte wegen Beschwerden mehrere Mediziner auf, wobei jeder Dritte widersprüchliche Empfehlungen erhielt. Zur Verbesserung dieser Situation plant die schwarz-rote Koalition die Einführung eines verbindlichen Primärversorgungssystems, das nach aktuellen Planungen im Jahr 2028 in Kraft treten soll.
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Innovative Nachsorge und Fortbildung
Praktische Ansätze zur Verbesserung der Nachsorge verfolgt das Universitätsklinikum Freiburg. Das im April 2026 gestartete Projekt KONSENS (KOronarNetzwerk für SEktorübergreifende NachsorgeStrategien) unterstützt Patienten nach einem Herzinfarkt. Über eine digitale Plattform namens „myoncare“ werden Vitaldaten wie Blutdruck und Puls erfasst. Bislang haben sich mehr als 100 Patientinnen und Patienten für das kostenlose Programm angemeldet.
Zur Förderung der Fehlerkultur initiiert das Klinikum Lippe am 17. September 2026 in Detmold und Lemgo einen „Room of Error“. In einer simulierten Krankenhaussituation können Fachkräfte und Interessierte Risiken identifizieren, um den offenen Umgang mit Fehlern zu trainieren.
Parallel dazu bietet die Landesärztekammer Hessen Fortbildungen an, darunter ein Live-Webinar zur Arzneimitteltherapiesicherheit in der Altersmedizin am 16. September 2026 sowie neue Fachinhalte zum Thema Peer Review.
