Chronische, Fatigue

Chronische Fatigue: Fünf Krankheiten stören dieselben Körpersysteme

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Analysen verknüpfen fünf Erkrankungen mit ähnlichen biologischen Prozessen; die Ergebnisse beruhen überwiegend auf bereits veröffentlichten Daten.
Abstrakte Darstellung komplexer biologischer Netzwerke und zellulärer Strukturen in gedimmtem, medizinischem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Erschöpfung stellt die Medizin seit Jahrzehnten vor komplexe Herausforderungen. Eine am 22. August 2026 im Fachjournal Journal of Translational Medicine veröffentlichte Untersuchung liefert nun neue Einblicke in die systemischen Mechanismen anhaltender Fatigue.

Das Forscherteam der University of East Anglia, von Oxford BioDynamics, der London School of Hygiene & Tropical Medicine sowie dem Cornwall Partnership NHS Foundation Trust untersuchte fünf verschiedene Krankheitsbilder, die mit chronischer Fatigue verknüpft sind: Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), Long COVID, posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), rheumatoide Arthritis sowie Multiple Sklerose.

Gemeinsame Signalwege trotz unterschiedlicher Auslöser

Auf der Ebene einzelner Gene zeigte sich bei den fünf Krankheiten kaum eine direkte Überlappung. Mithilfe von Analysen der dreidimensionalen Genomarchitektur und der EpiSwitch-Technologie wiesen die beteiligten Forschungsteams jedoch eine starke Vernetzung der Proteine in biologischen Netzwerken nach. Obwohl die jeweiligen Auslöser der Erkrankungen grundlegend variieren, stören sie im Körper dieselben übergeordneten Systeme.

Die Forscher identifizierten als gemeinsame biologische Prozesse unter anderem die Entzündungsantwort, die Aktivität von T-Lymphozyten, die Stoffwechselregulation, die Mitochondrienfunktion sowie mTOR-Signalwege.

Anhaltende Erschöpfung sei demnach kein isoliertes Symptom an sich, sondern vielmehr die Folge einer gestörten Immun-, Hormon- und Nervenregulation. Die betroffenen Prozesse greifen unmittelbar in die zelluläre Energieproduktion, das Immunsystem und die körperliche Stressantwort ein.

Im Rahmen der computergestützten Untersuchungen hob sich bei ME/CFS insbesondere das Gen LAG3 hervor. Dieses wird in der Forschung mit der funktionellen Erschöpfung dauerhaft aktivierter Immunzellen verknüpft. Das Forschungsteam wies zugleich darauf hin, dass die Resultate überwiegend auf genomischen und bioinformatischen Auswertungen bereits publizierter Daten ohne neue Patientendaten beruhen.

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Die identifizierten Gene gelten als Kandidaten, deren Relevanz in weiteren unabhängigen Studien bestätigt werden muss. Langfristiges Ziel der wissenschaftlichen Arbeiten sind objektive Bluttests und krankheitsübergreifende Behandlungsansätze.

Weltweites Ausmaß und diagnostische Hürden

Die Tragweite chronischer Fatigue spiegelt sich in weltweiten epidemiologischen Erhebungen wider. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC sind in den Vereinigten Staaten bis zu 3,3 Millionen Menschen von ME/CFS betroffen, wovon bislang lediglich 10 Prozent eine formelle Diagnose erhalten haben.

Für Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf rund 650.000 geschätzt, in Großbritannien liegt sie bei mehr als 400.000 Fällen, wobei die Fallzahlen infolge der Coronapandemie gestiegen sind. In Japan wird von rund 370.000 Betroffenen ausgegangen, was etwa der Zahl an Brustkrebspatienten entspricht.

Schätzungen zufolge sind im Krankheitsverlauf bis zu rund 25 Prozent der Patienten bettlägerig oder ausgangsunfähig. Für Österreich beziffert die Österreichische Gesellschaft für ME/CFS die Betroffenenzahl auf etwa 76.000. Zudem zeigt etwa die Hälfte der Long-Covid-Betroffenen Symptome eines chronischen Fatigue-Syndroms.

Die Beeinträchtigung der Lebensqualität wird in Untersuchungen als gleich oder schwerwiegender als bei Herzinsuffizienz oder Multipler Sklerose beschrieben. Wie gravierend die Einschränkungen sind, veranschaulichen prominente Einzelfälle wie der von Beth Dobbin.

Die Halbfinalistin der Olympischen Spiele 2021 über 200 Meter, die eine Bestzeit von 22,85 Sekunden erzielte, leidet an ME/CFS und verbringt über 22 Stunden täglich im Bett. Bis Betroffene Gewissheit erlangen, vergehen oft Jahre. So benötigte eine 34-jährige Frau nach einer Covid-Infektion über zwei Jahre und fünf Facharztbesuche bis zur Diagnosestellung.

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Medizinische Neubewertung und Begleitbefunde

Parallel zur Genomforschung verändern sich die Rahmenbedingungen in den Gesundheitssystemen. Die französische Assurance maladie vollzog im Sommer 2026 eine Neubewertung und strich ME/CFS aus der Kategorie der psychiatrischen oder psychologischen Störungen.

Die Institution stufte das Syndrom in Anlehnung an britische Leitlinienempfehlungen als chronisch invalidisierende körperliche Erkrankung ein. In Frankreich waren vor der Coronapandemie schätzungsweise 200.000 Erwachsene betroffen, inzwischen gehen Berichte von 500.000 bis zu einer Million Erkrankten aus, wobei Frauen 70 bis 80 Prozent der Kohorten stellen.

Für die Diagnose gelten Kriterien wie ein Leistungsabfall um mindestens 50 Prozent, nicht erholsamer Schlaf, Brain Fog, orthostatische Intoleranz sowie eine 12 bis 72 Stunden verzögert auftretende post-exertionelle Malaise. Progressiver Belastungsaufbau gilt als kontraindiziert.

Ergänzende Befunde lieferte eine Untersuchung der European Respiratory Society unter Beteiligung der University of Dundee. Bei der Analyse von fast 800 britischen Long-Covid-Betroffenen stellten Forschende ein verändertes Mikrobiom in Mund und Lunge fest, das bei schweren Verläufen mit einer reduzierten Bakteriendiversität einherging.

Mediziner weisen zudem darauf hin, dass anhaltende Müdigkeit generell eine ärztliche Abklärung erfordert, da sie ein erstes Anzeichen für diverse Organdysfunktionen oder Grunderkrankungen sein kann.

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