Chronische Erkrankungen: Gen-Netzwerke zeigen Überschneidungen bei fünf Leiden
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen und Schlafstörungen gelten als typische Begleiterscheinungen ganz unterschiedlicher chronischer Erkrankungen. Aktuelle Analysen legen nahe, dass diesen Symptomen gemeinsame biologische Mechanismen zugrunde liegen könnten – mit Stressreaktivität und Schlafkonstanz als zentralen Faktoren für die gesundheitliche Langzeitprognose. Das berichtet earth.com unter Berufung auf eine entsprechende Untersuchung.
Netzwerk-Überlappungen zwischen fünf Erkrankungen
Eine Studie der University of East Anglia beziehungsweise der dortigen Norwich Medical School unter Leitung von Dmitry Pshezhetskiy, durchgeführt gemeinsam mit Oxford BioDynamics, hat genetische Netzwerke bei fünf unterschiedlichen Erkrankungen verglichen: Long COVID, chronisches Fatigue-Syndrom (CFS), posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), rheumatoide Arthritis und Multiple Sklerose. Die Forscher fanden dabei erhebliche Überschneidungen in den zugrunde liegenden Gen-Netzwerken.
Die untersuchten Genlisten unterschieden sich in ihrer Größe deutlich: Bei rheumatoider Arthritis wurden 885 Gene identifiziert – die längste Liste der Studie –, während PTSD mit 324 Genen die kürzeste aufwies. CFS und Long COVID lagen mit je 567 Genen dazwischen.
Als besonders gut vernetzte Gene innerhalb der untersuchten Netzwerke identifizierte die Studie RUNX1, PPARGC1A, CDH2, NRP1 und PLCG2. Bemerkenswert ist der Befund zu LAG3, einem Gen, das mit T-Zell-Erschöpfung in Verbindung gebracht wird: Es tauchte zwar nicht in der CFS-spezifischen Genliste auf, lag aber dennoch im Zentrum des Netzwerks – ein Hinweis darauf, dass Netzwerkanalysen relevante Zusammenhänge aufdecken können, die in einzelnen Genlisten nicht sichtbar werden.
Die zugrunde liegenden Datensätze variierten stark in ihrer Größe: Der Multiple-Sklerose-Scan basierte auf Daten von rund 21.500 Personen, während der PTSD-Scan mehr als 1,2 Millionen Personen umfasste.
Finanzierung und methodische Einschränkungen
Oxford BioDynamics finanzierte die Studie; von den 14 Autoren waren elf beim Unternehmen angestellt. Für die Netzwerkanalyse kam die firmeneigene Orion-Software zum Einsatz, die einen Faltpunkte-Score von über 0,99 auswies.
Die Autoren räumen selbst Einschränkungen ein: Fatigue als Symptom wurde in der Studie nicht direkt gemessen, und es fand kein formaler Zufallstest statt. Die Ergebnisse wurden im Journal of Translational Medicine veröffentlicht.
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Einordnung in die klinische Praxis
Anhaltende Müdigkeit hat aus medizinischer Sicht viele mögliche Ursachen. Die Mayo Clinic nennt neben Schlafmangel, Lebensstilfaktoren und Medikamenten auch Stress oder Depressionen als Auslöser, weist aber zugleich darauf hin, dass Erschöpfung Symptom einer behandlungsbedürftigen Erkrankung sein kann.
Der britische Gesundheitsdienst NHS listet unter anderem Eisenmangelanämie, Diabetes, Schilddrüsenprobleme, Schlafapnoe, Depressionen, Infektionen und hormonelle Veränderungen als mögliche Ursachen anhaltender Müdigkeit auf.
Für die Diagnose des chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS) gelten laut der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC klare Kriterien: Eine länger als sechs Monate anhaltende Einschränkung der Leistungsfähigkeit, eine durch Ruhe nicht wesentlich linderbare Erschöpfung, unruhiger Schlaf sowie eine Verschlimmerung der Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Anstrengung müssen vorliegen.
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Fachleute raten dazu, Müdigkeit, die morgens einsetzt und auch nach Ruhephasen nicht verschwindet, nicht vorschnell auf Stress zurückzuführen. Bei wochenlanger Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf wird eine ärztliche Abklärung empfohlen, da organische Ursachen ausgeschlossen werden sollten, bevor psychosoziale Erklärungen im Vordergrund stehen.
Bedeutung für Forschung und Versorgung
Die aufgezeigten genetischen Netzwerk-Überlappungen zwischen so unterschiedlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, PTSD, CFS und Long COVID könnten langfristig neue Perspektiven für Diagnostik und Therapie eröffnen.
Angesichts der engen Verflechtung von Oxford BioDynamics mit der Studie – finanziell wie personell – und der genannten methodischen Einschränkungen bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit sich die Befunde in unabhängigen Untersuchungen bestätigen lassen.
Für Patientinnen und Patienten mit unklaren, anhaltenden Erschöpfungszuständen bleibt in der Zwischenzeit die etablierte differenzialdiagnostische Abklärung durch NHS- und CDC-Kriterien der erste Schritt, bevor komplexere molekularbiologische Zusammenhänge klinische Relevanz erlangen.
