Chronische Entzündungen: Protein und Krafttraining schützen besser
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 03:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ob weniger Kohlenhydrate, mehr Protein oder gezielte Lebensmittelauswahl: Die Frage, wie sich Ernährungsmuster auf chronische Stoffwechsel- und Entzündungserkrankungen auswirken, beschäftigt derzeit zahlreiche Forschungsgruppen. Mehrere im Spätsommer veröffentlichte Studien liefern neue Anhaltspunkte – von Low-Carb-Diäten über Nussverzehr bis zu Feinstaubbelastung bei Rheuma-Patienten.
Ketogene Ernährung verbessert Leberstoffwechsel
Eine randomisierte Studie, die im Fachjournal Cell Metabolism erschien, kommt zu dem Ergebnis, dass eine ketogene Ernährung bei Menschen mit Adipositas den Leberstoffwechsel bei gleicher Gewichtsabnahme stärker verbessert als eine mediterrane oder eine fettarme pflanzenbasierte Ernährung.
Studienautor Samuel Klein von der Washington University School of Medicine in St. Louis betont damit einen möglichen qualitativen Unterschied zwischen verschiedenen Diätformen, der über den reinen Gewichtsverlust hinausgeht.
Allerdings relativieren andere Auswertungen den Nutzen von Low-Carb-Ansätzen für die breite Bevölkerung. Zwar kann eine kohlenhydratarme Ernährung anfangs zu schnellem Gewichtsverlust führen, was teils auf den Abbau von Glykogen- und Wasserspeichern zurückzuführen ist.
Nach sechs bis zwölf Monaten fallen die Unterschiede zu anderen kalorienreduzierten Ernährungsformen laut Studienvergleichen jedoch häufig gering aus. Für nachhaltiges Abnehmen zählt demnach langfristig vor allem ein moderates Kaloriendefizit – ein vollständiger Verzicht auf Kohlenhydrate sei meist nicht erforderlich.
Muskelaufbau, Protein und Bewegung als Schutzfaktoren
Meta-Analysen zeigen, dass sogenannte Body Recomposition – also gleichzeitiger Fettabbau und Muskelaufbau – besonders bei Trainingseinsteigern, Wiedereinsteigern und Menschen mit höherem Körperfettanteil gelingt. Empfohlen wird ein Gewichtsverlust von etwa 0,5 Prozent pro Woche, bei höherem Körperfettanteil bis zu einem Prozent, sowie eine Proteinzufuhr von mindestens 1,9 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
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Eine Meta-Analyse aus 25 kontrollierten Studien belegt zudem, dass Krafttraining zum Erhalt der Muskelmasse beiträgt. Die ACSM-Leitlinie sieht zwei Trainingseinheiten pro Woche für große Muskelgruppen als ausreichend an, während die Weltgesundheitsorganisation mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Ausdauerbewegung pro Woche empfiehlt. Auch ausreichender Schlaf von sieben bis acht Stunden gilt als förderlich.
Der Trend zu proteinreicher Ernährung spiegelt sich auch wirtschaftlich wider: Der Umsatz mit Fitness-Proteinprodukten in Deutschland stieg laut NielsenIQ-Daten bis März 2025 um 24,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei Proteinpulver ein Plus von 31,7 Prozent und Sport- und Energieriegel ein Plus von 22,2 Prozent verzeichneten.
Der weltweite Markt für proteinhaltige Nahrungsergänzungsmittel wurde für 2025 auf rund 24,2 Milliarden Euro geschätzt, mit einer Prognose von 26,1 Milliarden Euro für 2026 und knapp 38 Milliarden Euro bis 2031, wie Mordor Intelligence errechnete.
Laut einer YouGov-Erhebung kaufen 54 Prozent der Generation Z mindestens einmal im Monat ein High-Protein-Produkt, bei den Millennials sind es 43 Prozent, bei der Generation X 24 Prozent und bei Babyboomern 11 Prozent.
Nüsse, Knoblauch und Ingwer im Fokus der Entzündungsforschung
Eine im August veröffentlichte Metaanalyse im British Journal of Nutrition, erarbeitet von Plant-Based Health Professionals UK und dem Imperial College London, wertete Daten von über 143.000 Menschen aus acht Studien aus.
Demnach war regelmäßiger Nussverzehr mit einem etwa 16 Prozent geringeren Bluthochdruck-Risiko verbunden. Bei einem täglichen Konsum von 28 Gramm sank das Risiko um 20 Prozent, bei 30 Gramm im Vergleich zu völligem Verzicht um 26 Prozent – ein zusätzlicher Nutzen bei noch höheren Mengen zeigte sich nicht.
Auch Knoblauch steht im Fokus: Der Wirkstoff Allicin entsteht erst beim Zerkleinern aus der Vorstufe Alliin. Eine Meta-Analyse vom April 2024 fand bei Menschen mit metabolischem Syndrom Verbesserungen bei Bauchumfang, Gesamt- und LDL-Cholesterin, Triglyzeriden, HDL-Cholesterin, Blutdruck, Glukosewerten, Insulinresistenz sowie den Entzündungsmarkern CRP, TNF-? und IL-6. Eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie an Mäusen zeigte zudem, dass der Wirkstoff DAS die Lebensdauer der Tiere um 11,4 Prozent verlängerte.
Roher Ingwer wiederum enthält den Wirkstoff Gingerol, der sich beim Erhitzen in Zingeron und Shogaole umwandelt, sowie Vitamin C, Magnesium, Kalium, Eisen und Calcium.
Ihm werden entzündungshemmende Effekte über einen COX-2-ähnlichen Mechanismus sowie positive Wirkungen auf Immunsystem und Verdauung zugeschrieben. Für gesunde Erwachsene werden 2 bis 5 Gramm frische Ingwerwurzel täglich empfohlen, wobei bei Magengeschwüren oder empfindlicher Magenschleimhaut Vorsicht geboten ist.
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Fast Food, Feinstaub und individuelle Risikofaktoren
Wie stark sich ungünstige Ernährung auswirkt, zeigt eine Studie mit über 18.000 Erwachsenen: An Tagen mit Fast-Food-Konsum nahmen die Teilnehmer im Schnitt 190 Kalorien, 11 Gramm Gesamtfett, 3,5 Gramm gesättigte Fettsäuren und 300 Milligramm Salz mehr zu sich.
Die CARDIA-Studie, die im Fachjournal Lancet veröffentlicht wurde und rund 3.000 junge Erwachsene über 15 Jahre begleitete, fand bei mehr als zweimaligem wöchentlichem Fast-Food-Konsum ein durchschnittliches Mehrgewicht von 4,5 Kilogramm sowie eine stärkere Insulinresistenz.
Eine Untersuchung an über 40.000 Menschen chinesischer Herkunft in Singapur ergab, dass zweimal wöchentlicher Konsum westlichen Fast Foods mit einem um 27 Prozent erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes einherging.
Auch Umweltfaktoren spielen eine Rolle bei entzündlichen Erkrankungen: Eine Studie der Seoul National University mit 1.070 Rheuma-Patienten und über 12.500 Arztbesuchen fand den stärksten Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung (PM2,5) und der Krankheitsaktivität bei rheumatoider Arthritis, insbesondere bei Belastungen über mehr als zwei Wochen. Der Effekt war bei Frauen und Nichtrauchern ausgeprägter, wie Studienleiter Eun Bong Lee feststellte.
Bei Endometriose raten Fachleute dazu, entzündungsfördernde Lebensmittel wie Zucker, Weißmehl, Transfette, rotes und verarbeitetes Fleisch, Koffein, Alkohol sowie histaminreiche Speisen zu meiden.
Rotes Fleisch wird laut Studien mit einem rund 17 Prozent erhöhten Endometriose-Risiko in Verbindung gebracht, während sich für Eier, Fisch und Geflügel kein solcher Zusammenhang zeigte. Empfohlen werden stattdessen Gemüse, Omega-3-Fettsäuren und grüner Tee.
Cholesterin und individuelle Lipiddiagnostik
Studien deuten darauf hin, dass sich der Cholesterinspiegel durch Lebensstiländerungen innerhalb von drei bis sechs Wochen um bis zu 15 Prozent senken lässt – etwa durch weniger gesättigte Fette, mehr Ballaststoffe und Omega-3-Fettsäuren, regelmäßige Bewegung mindestens dreimal wöchentlich, Gewichtsreduktion und Rauchstopp, bei einer maximalen täglichen Fettzufuhr von 60 bis 80 Gramm. Als medikamentöse Alternativen zu Statinen gelten Ezetimib, Bempedoinsäure, PCSK9-Hemmer, Inclisiran und Phytosterole.
Der österreichische Lipidkonsensus, erarbeitet von 15 Fachgesellschaften und 32 Expertinnen und Experten, stellt die erste umfassende Aktualisierung seit 2016 dar. Er empfiehlt ein standardisiertes Lipidprofil mit Gesamtcholesterin, LDL-C, HDL-C, Triglyzeriden und Lp(a), wobei Lp(a) mindestens einmal im Leben bestimmt werden sollte.
Ein erstes Lipidprofil wird demnach spätestens im Alter von 18 bis 20 Jahren empfohlen, therapeutisch stehen weiterhin Statine, Ezetimib, Bempedoinsäure, PCSK9-Inhibitoren und Inclisiran im Vordergrund.
