Chemotherapie-Nebenwirkungen: SAHA schützt Herzmuskel vor Doxorubicin
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 16:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der medizinische Einsatz von Chemotherapeutika ist oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, die den Behandlungserfolg limitieren können. Eines der am häufigsten verwendeten Medikamente, das Anthrazyklin Doxorubicin, ist für seine Wirksamkeit gegen verschiedene Krebsarten wie Brustkrebs, Lungenkrebs, Sarkome sowie Leukämien und Lymphome bekannt.
Sein klinischer Nutzen wird jedoch durch die sogenannte Kardiotoxizität eingeschränkt, die bis hin zur Herzinsuffizienz führen kann. Forschungsergebnisse der Universität Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) liefern nun detaillierte Einblicke in die molekularen Grundlagen dieser Schädigungen und zeigen potenzielle Schutzstrategien auf.
Der molekulare Wirkmechanismus von Doxorubicin am Herzen
In einer im September 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichten Studie identifizierten Forschende unter der Leitung von Prof. Lorenz Lehmann einen spezifischen Mechanismus, der für die Herzschädigung verantwortlich ist. Die Untersuchung zeigt, dass Doxorubicin die Genaktivität in den Herzmuskelzellen massiv verändert. Im Zentrum dieses Prozesses stehen zwei Proteine: Topoisomerase II? und der Transkriptionsfaktor MEF2.
Den Ergebnissen zufolge lagert sich das Enzym Topoisomerase II? unter dem Einfluss des Chemotherapeutikums verstärkt an DNA-Bereiche an, die normalerweise als Bindestellen für MEF2 dienen. Diese Interaktion führt zu einer Fehlregulation, bei der MEF2 überaktiviert wird.
In der Folge kommt es zur Aktivierung zahlreicher Gene, die krankhafte Umbauprozesse im Herzgewebe auslösen. Prof. Lorenz Lehmann, Leiter der Sektion Kardio-Onkologie am UKHD, bezeichnete dies als den ersten Nachweis eines mehrschrittigen Mechanismus, der zudem medikamentös beeinflussbar sei.
Potenzial des Wirkstoffs SAHA als Schutzmaßnahme
Neben der Entschlüsselung des Schadmechanismus untersuchte das Team um Lehmann und den Koautor Prof. Norbert Frey, Ärztlicher Direktor der Kardiologie am UKHD, eine mögliche therapeutische Gegenmaßnahme. Dabei rückte der Wirkstoff SAHA (Suberoylanilide Hydroxamic Acid) in den Fokus. SAHA ist bereits für die Behandlung bestimmter Lymphome und anderer Krebsarten zugelassen, was eine klinische Erprobung in neuem Kontext vereinfachen könnte.
Doxorubicin gehört zu den wirksamsten Chemotherapeutika – doch bei etwa einem Viertel der Patienten verändert sich die Herzfunktion messbar. Heidelberger Forschende haben jetzt einen molekularen Mechanismus entschlüsselt und einen möglichen Schutzansatz identifiziert. Was das für Ihre Therapie bedeutet, lesen Sie in unserem kostenlosen Leitfaden. Kostenlosen Herzschutz-Leitfaden anfordern
In Zellkulturen und Tierversuchen konnte nachgewiesen werden, dass SAHA die durch Doxorubicin ausgelöste Fehlregulation unterdrückt. Bei Versuchen mit Mäusen verringerte der Wirkstoff die messbaren Herzschäden deutlich. Die Forschenden sehen darin einen vielversprechenden Ansatz, um die belastenden Folgen einer Chemotherapie für das Herz-Kreislauf-System zu minimieren.
Klinische Relevanz und künftige Forschungsbedarfe
Die Bedeutung dieser Erkenntnisse wird durch die klinische Realität in der Onkologie unterstrichen. Prof. Norbert Frey verwies darauf, dass eine schwere Herzinsuffizienz infolge einer Doxorubicin-Behandlung zwar selten sei, bei etwa einem Viertel der Patienten jedoch messbare Veränderungen der Herzfunktion auftreten. Diese führen langfristig zu einem erhöhten Risiko für Herzschwäche, wobei Patienten mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen als besonders gefährdet gelten.
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Trotz der positiven Ergebnisse in den experimentellen Modellen ist die Übertragbarkeit auf den Menschen noch nicht abschließend geklärt. Künftige klinische Studien müssen untersuchen, ob SAHA bei Krebspatienten tatsächlich einen herzschützenden Effekt erzielt und dabei sicher in der Anwendung bleibt, da der Wirkstoff selbst Nebenwirkungen aufweist.
Die bereits bestehende Marktzulassung von SAHA für andere Indikationen könnte die Entwicklung entsprechender Schutztherapien jedoch beschleunigen. Die Studie wurde unter der Referenz Nat Commun 17, 9505 (2026) publiziert und markiert einen wichtigen Schritt in der kardio-onkologischen Forschung.
