Chatbots im Mathetraining: Übungsleistung steigt, Prüfung fällt 17 Prozent
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 00:33 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Expertenbeiträge widmen sich verstärkt der Frage, wie der regelmäßige Einsatz von Künstlicher Intelligenz menschliche Denk- und Entscheidungsprozesse verändert. Während automatisierte Werkzeuge im Berufs- und Bildungsalltag Zeit sparen und Routineaufgaben beschleunigen, weisen empirische Erhebungen auf Risiken für die eigenständige Problemlösungskompetenz hin.
Kognitive Einbußen bei der Problemlösung
Die Auswirkungen von Sprachmodellen auf die kognitive Selbstständigkeit sind Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten. Eine im April 2026 als Vorabveröffentlichung erschienene Studie, die am 9. Oktober 2026 auf der Conference on Language Modeling vorgestellt wurde und an der Brian Christian vom Center for Human-Compatible AI in Berkeley mitwirkte, untersuchte 1.222 Personen in drei randomisierten Experimenten zu Bruchrechnen und Leseverständnis.
Sobald Probanden, die zuvor mit einem GPT-5-Assistenten arbeiteten, Aufgaben ohne technische Hilfe lösen mussten, schnitten sie in allen drei Durchläufen schlechter ab als die Kontrollgruppe; der Leistungsabstand betrug rund 6 bis 16 Prozentpunkte.
Rund sechs von zehn Teilnehmenden nutzten das System primär für fertige Antworten, was mit den schwächsten Resultaten einherging. Zudem sank in zwei Experimenten die Ausdauer, da vermehrt Aufgaben übersprungen wurden.
Zu ähnlichen Befunden gelangte eine über 30 Monate durchgeführte Untersuchung der Universitäten Stockholm und Hongkong mit fast 27.000 Schülern der 7. bis 12. Klasse in China. Die Nutzung von KI verkürzte die Bearbeitungszeit der Hausaufgaben von durchschnittlich 64 auf 45 Minuten und verbesserte deren Vollständigkeit.
Bei den nachfolgenden Noten ohne Hilfsmittel zeigte sich jedoch innerhalb von sechs Monaten ein Leistungsabfall um 20 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Besonders stark betroffen waren Buben, jüngere sowie ursprünglich leistungsstarke Lernende ab einem wöchentlichen Konsum von mindestens fünf Stunden.
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In einer PNAS-Studie unter Leitung von Hamsa Bastani mit fast 1.000 Mathematiklernenden steigerte ein uneingeschränkter Chatbot die Übungsleistung zwar um 48 Prozent, in der späteren Prüfung ohne KI lagen die Ergebnisse jedoch um 17 Prozent unter denen der Kontrollgruppe.
Produktivitätsschub und kognitive Verzerrungen im Beruf
Im beruflichen Kontext zeigt sich ein differenziertes Bild zwischen Routinegewinnen und Fehleinschätzungen. Eine im Quarterly Journal of Economics erfasste Untersuchung an 5.172 Kundendienstkräften ergab, dass generative Lösungsvorschläge die Zahl gelöster Fälle pro Stunde um 15 Prozent steigerten, wovon vor allem neue oder geringer qualifizierte Kräfte profitierten.
Eine weitere Erhebung mit 758 Wissensarbeitern belegt zwar schnellere und qualitativ bessere Resultate bei Aufgaben innerhalb des Leistungsspektrums der KI; bei einer komplexen Managementaufgabe außerhalb dieses Rahmens sank der Anteil richtiger Lösungen im Vergleich zur Gruppe ohne KI jedoch um 19 Prozent.
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Zudem belegen Versuche des MIT Media Lab Beeinträchtigungen des Erinnerungsvermögens. Bei 200 Teilnehmenden, denen manipuliertes Bildmaterial vorgelegt wurde, stieg die Rate falscher Erinnerungen merklich an. In einer Folgeuntersuchung führten Befragungen durch Chatbots, die falsche Angaben machten, zu dreimal so vielen fehlerhaften Erinnerungen an ein zuvor gesehenes Video.
Strategien für menschliche Urteilsfähigkeit
Angesichts dieser Tendenzen fordern Fachleute Gegenmaßnahmen. Dirk Helbing von der ETH Zürich warnt vor einer schleichenden Entmündigung, wenn Menschen Entscheidungen zunehmend an undurchschaubare Systeme delegierten, die bestehende Verzerrungen reproduzierten.
Informatikerin Katharina Zweig betonte auf dem AGF Forum in Frankfurt die Ungeeignetheit großer Sprachmodelle für verlässliche Faktenrecherchen und mahnte Vorsicht bei der Einführung unausgereifter agentischer Software an.
Als Reaktion auf die Entwicklung beschloss die Bildungsministerkonferenz am 16. Oktober 2026 eine Aktualisierung ihres Kompetenzrahmens, nach dem Schüler unter anderem KI-Ergebnisse kritisch hinterfragen, Quellen prüfen und emotionale Bindungen zu Systemen reflektieren sollen.
Norman Müller, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für KI-Transformation, hob hervor, dass Unternehmen gezielt Zeit und Kompetenzen für begründeten Widerspruch gegen automatisierte Empfehlungen einplanen müssen, wenngleich ein dauerhafter Verlust der Denkfähigkeit bisher nicht belegt sei.
