CED und Ernährung: Entzündungen können neue Reaktionen auf Milch auslösen
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 22:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deEntzündliche Prozesse im Verdauungstrakt können die Art und Weise grundlegend verändern, wie Darmbakterien zugeführte Nahrung aufspalten. Dies kann dazu führen, dass das Immunsystem plötzlich allergieartige Abwehrreaktionen gegen zuvor problemlos vertragene Lebensmittel entwickelt.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Forschenden der kanadischen McMaster University, die in der Fachzeitschrift Gastroenterology veröffentlicht wurde.
Die Daten liefern neue Erklärungsansätze dafür, warum etwa zwei Drittel der Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED beziehungsweise IBD) über nahrungsbezogene Beschwerden klagen, wobei Milch, Weizen und Ballaststoffe am häufigsten als Auslöser genannt werden.
Mechanismus im Mausmodell: Verlust wichtiger Abbaukapazitäten
In zwei experimentellen Colitis-Modellen an Mäusen wiesen die Wissenschaftler der McMaster University nach, dass eine vorangegangene Darmentzündung die Tiere anfälliger für Nahrungsmittelsensitivitäten machte. Wurden die entzündeten Tiere Milch oder Gluten ausgesetzt, löste dies eine allergieartige Immunantwort im Kolon aus. Eine spätere erneute Gabe derselben Stoffe verschlimmerte die Colitis merklich.
Als ursächlich identifizierten die Forscher einen entzündungsbedingten Schwund spezifischer Bakterienspezies, die im gesunden Zustand für den Abbau dieser Nahrungstrigger verantwortlich sind.
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Wurden die Darmbakterien von entzündeten Tieren auf keimfreie Mäuse übertragen, stieg auch bei diesen die Sensibilisierung gegenüber den Nahrungsproteinen an. Das gezielte Wiederansiedeln der zuvor depletierten Bakterienstämme konnte die immunologischen Reaktionen und negativen Effekte hingegen wieder abmildern.
Klinische Untersuchungen stützen diese Beobachtungen: Bei CED-Patienten, die über Unverträglichkeiten berichteten, stellten die Wissenschaftler ebenfalls eine geringere Abbaufähigkeit für die betreffenden Nahrungsbestandteile sowie signifikant niedrigere Spiegel der zuständigen Bakterienstämme fest.
Instabilität und Kommensalen-Verlust kennzeichnen die Dysbiose
Ergänzende mikrobiologische Erkenntnisse unterstreichen die Anfälligkeit des mikrobiellen Ökosystems bei Entzündungen. Eine zeitlich aufgelöste Meta-Analyse von 4.839 öffentlichen Metagenomen im Fachjournal Nature Communications zeigte, dass die Dysbiose bei CED vor allem durch eine relative Verarmung an nützlichen kommensalen Bakterien geprägt ist und weniger durch die reine Ausbreitung krankheitsassoziierter Keime. Zudem ist die Variabilität des Mikrobioms bei Betroffenen stark erhöht.
Der Analyse zufolge waren 30 Prozent der erfassten Spezies mit CED assoziiert, doch nur 73 Prozent dieser Beziehungen blieben über verschiedene Zeitpunkte hinweg konsistent. Bakterienstämme bei CED zeigten eine geringere Persistenz und gingen häufiger verloren.
Ein berechneter Entzündungsindex erklärte einen wesentlichen Teil der Schwankungen in Zusammensetzung und Abundanz. Die Autoren leiteten daraus ab, dass anhaltende Entzündungen den Verlust kommensaler Arten begünstigen und die Fähigkeit des Mikrobioms zur Selbsterholung einschränken.
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Zusammenspiel von Stoffwechselprodukten und Darmschleimhaut
Dass das Mikrobiom über spezifische Stoffwechselwege eng mit Entzündungskaskaden verknüpft ist, bestätigen weitere Studien. So wiesen Wissenschaftler der Wuhan-Universität im Fachjournal Gut Microbes nach, dass das bei CED-Patienten vermehrt nachgewiesene Bakterium Fusobacterium nucleatum über die Produktion von Succinat Entzündungen verschärft.
Succinat bindet an den Makrophagen-Rezeptor SUCNR1 und treibt über die Aktivierung von NF-?B einen pro-inflammatorischen Zustand voran, was Schleimhautschäden im Darm vertieft.
Gleichzeitig spielen die physikalische Beschaffenheit und Struktur von Nahrungsmitteln eine Rolle bei entzündlichen Prozessen. Forscher der Shanghai Jiao Tong University beobachteten im Tierversuch, dass nanostrukturierte Bananenstärke eine Colitis verstärkte und zu stärkeren Schleimhautschäden führte, während native, nicht nanostrukturierte Bananenstärke schützend wirkte und die Häufigkeit nützlicher Bakterien wie Akkermansia förderte.
In der Gesamtschau verdeutlichen die aktuellen Forschungsdaten, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Darmerkrankungen oft keine isolierten immunologischen Primärreaktionen darstellen, sondern funktionelle Folgen eines entzündungsbedingt veränderten mikrobiellen Abbaus sind.
