CED-Früherkennung: Antikörpermuster zeigen Veränderungen bis zu zehn Jahre vorher
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 04:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deChronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa entwickeln sich oft über lange Zeiträume unbemerkt, bevor klinische Symptome auftreten. Auf der Fachtagung UEG Week Barcelona wurden am 19. Oktober 2026 neue Forschungsarbeiten vorgestellt, die das Potenzial serologischer und fäkaler Marker für eine frühere Erkennung verborgener Entzündungsprozesse beleuchten.
Antikörpermuster bis zu zehn Jahre vor der Diagnose sichtbar
Ein Forscherteam um Arno Bourgonje vom Universitätsklinikum Groningen und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai untersuchte gemeinsam mit der Medizinischen Universität Wien Veränderungen im Immunsystem vor dem Ausbruch einer CED. Die in der Fachzeitschrift Gut veröffentlichte Untersuchung analysierte 2.000 Blutproben von 500 Personen.
Die Kohorte umfasste 200 Personen mit späterem Morbus Crohn, 200 mit späterer Colitis ulcerosa sowie 100 gesunde Kontrollpersonen, die nach Alter und Geschlecht zugeordnet waren. Die Blutentnahmen erfolgten zum Diagnosezeitpunkt sowie rund zwei, vier und zehn Jahre davor.
Mittels eines PhIP-Seq-Panels analysierten die Wissenschaftler Immunreaktionen gegen rund 357.000 mikrobielle, virale, nahrungs- und immunbezogene Zielstrukturen und identifizierten dabei fast 124.000 verschiedene Antikörper. Dabei zeigte sich bei künftigen CED-Patienten bereits bis zu zehn Jahre vor der eigentlichen Diagnose eine deutlich geringere Antikörpervielfalt.
Bei späterem Morbus Crohn fielen stärkere Antikörperreaktionen gegen Herpesviren wie das Epstein-Barr-Virus sowie gegen bakterielle Flagelline auf, besonders bei Verläufen mit komplizierter oder ilealer Erkrankung.
Zugleich nahm die Immunantwort gegen bekapselte, schützende Darmbakterien ab. Bei Colitis ulcerosa traten verstärkte Reaktionen gegen Herpesviren und körpereigene Proteins wie das Zielprotein MADD auf, während Reaktionen auf bestimmte Darmbakterien geringer ausfielen.
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Ein auf diesen Daten trainiertes Machine-Learning-Modell erreichte bei der Trennfähigkeit der untersuchten Daten eine Fläche unter der Kurve (AUC) von 0,90 für Morbus Crohn, 0,84 für Colitis ulcerosa und 0,85 für die Differenzierung zwischen komplizierten und nicht-komplizierten Crohn-Verläufen.
Die Autoren betonen, dass es sich um einen Machbarkeitsnachweis handelt und Assoziationen keine Kausalität belegen. Ein klinisch einsetzbarer Frühtest existiert derzeit nicht; hierfür sind Validierungen in diverseren, prospektiven Kohorten sowie bezahlbare Testverfahren nötig.
Weltweit sind mindestens vier Millionen Menschen von CED betroffen, darunter bis zu 600.000 in Deutschland mit jährlich rund 10.000 Neudiagnosen sowie etwa 70.000 in Dänemark.
Stuhltests bei entzündlichen Augenerkrankungen
Ebenfalls am 19. Oktober 2026 präsentierten Forscher des Gregorio Marañón University General Hospital in Madrid Ergebnisse zum fäkalen Calprotectin bei Patienten mit idiopathischer Uveitis oder Skleritis. An der prospektiven Kohortenstudie nahmen 69 Patienten teil, von denen 62 ausgewertet werden konnten. Bei fünf Personen (8,1 Prozent) bestätigte sich mittels Kapselendoskopie oder Koloskopie eine subklinische Ileitis.
Die Calprotectin-Werte waren bei nachgewiesener Ileitis sowohl bei der Basismessung (p=0,024) als auch bei einer zweiten Bestimmung (p=0,002) signifikant erhöht.
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Das Muster einer anhaltenden Erhöhung zeigte eine Sensitivität von 100 Prozent (95%-KI 47,8–100,0) und eine Spezifität von 82,5 Prozent (95%-KI 70,1–91,3), bei einem negativen prädiktiven Wert von 100 Prozent (95%-KI 92,5–100,0) und einem positiven Likelihood-Quotienten von 5,7 (95%-KI 3,25–10,01).
Die explorative Untersuchung erschien in Frontiers in Medicine; idiopathische Formen machen nach Autorenangaben 27 bis 51 Prozent der Uveitis-Fälle in Europa und den USA aus.
Autoantikörper gegen Interleukin-10
Ergänzend beschrieb eine Studie im New England Journal of Medicine aus dem Jahr 2026 von Forschern der University of Oxford, Newcastle University und den Cambridge University Hospitals NHS Foundation Trust einen spezifischen Entzündungsmechanismus: Bei rund 3,5 Prozent von über 4.900 untersuchten CED-Patienten neutralisierten körpereigene Antikörper das entzündungshemmende Zytokin Interleukin-10. Dieser Befund war eng mit der Genvariante HLA-DRB1*01:03 verknüpft, die bereits vor drei Jahrzehnten mit schweren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht wurde. Ziel künftiger Entwicklungen ist ein Bluttest zur gezielten Identifikation Betroffener.
