CED-Früherkennung: Antikörper im Blut zeigen Risiken bis zu zehn Jahre vorher
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 10:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deChronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa betreffen weltweit mindestens 3,8 Millionen Menschen. Bislang erfolgt die Diagnosestellung in der Regel erst dann, wenn bereits manifeste Darmschäden vorliegen.
Eine im Fachjournal „Gut“ publizierte und auf der Fachtagung UEG Week 2026 in Barcelona vorgestellte Untersuchung zeigt nun, dass spezifische Antikörpermuster im Blut bereits bis zu zehn Jahre vor dem klinischen Ausbruch auf die Krankheiten hinweisen können.
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Arno Bourgonje vom Universitätsklinikum Groningen (UMCG) und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai analysierte dafür Blutseren aus den Vereinigten Staaten. An den wissenschaftlichen Arbeiten war zudem die Medizinische Universität Wien beteiligt.
Blutanalysen der PREDICTS-Kohorte liefern frühe Hinweise
Für die Untersuchung griff das Team auf 2.000 Serumproben von 500 Angehörigen des US-Militärs aus der sogenannten PREDICTS-Kohorte zurück. In dieser Gruppe entwickelten später jeweils 200 Personen Morbus Crohn und 200 Colitis ulcerosa, während 100 Personen dauerhaft gesund blieben. Die analysierten Proben stammten aus Zeiträumen von rund zwei, vier und zehn Jahren vor der Diagnose sowie vom Zeitpunkt der Diagnosestellung selbst.
Mithilfe der PhIP-Seq-Technologie überprüften die Wissenschaftler die Immunreaktionen auf rund 357.000 Proteinbruchstücke aus Bakterien, Viren, Nahrungsmitteln und körpereigenen Strukturen. Dabei identifizierten sie insgesamt 123.980 einzigartige Antikörper.
Bei später erkrankten Personen zeigte sich generell eine geringere Vielfalt an Antikörpern. Die Variabilität stieg etwa vier Jahre vor der Diagnose an, während zugleich die Abwehrreaktionen gegen bekapselte Bakterien, darunter Streptococcus pneumoniae, abnahmen.
Wer sich mit der Bedeutung seiner Blutanalysen befasst, findet in diesem kostenlosen Report wertvolle Unterstützung, um die eigenen Werte besser einzuordnen. Was verraten Ihre Blutwerte wirklich? Jetzt Gratis-Report sichern
Spezifische Profile für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
Die Analysen offenbarten unterschiedliche immunologische Signaturen für beide Krankheitsbilder. Bei Personen, die später an Morbus Crohn erkrankten, stellten die Forscher verstärkte Antikörperreaktionen gegen Herpesviren fest, insbesondere gegen das Epstein-Barr-Virus, sowie gegen bakterielle Flagelline.
Diese Merkmale traten besonders ausgeprägt bei komplizierten beziehungsweise ilealen Verläufen auf, die mit Verengungen (Stenosen) oder Fistelbildungen einhergehen.
Bei einer späteren Colitis ulcerosa zeigte sich hingegen ein anderes Bild: Hier dominierten Reaktionen auf Herpesviren in Kombination mit Autoantigenen, unter anderem gegen das Protein MADD. Derartige Befunde verdeutlichen, dass sich die biologischen Mechanismen der beiden Erkrankungen bereits Jahre vor dem Auftreten erster Symptome unterscheiden.
Hohe Trefferquoten durch maschinelles Lernen
Auf Basis der identifizierten Marker trainierten die Forscher Modelle des maschinellen Lernens. Diese waren in der Lage, spätere Erkrankungsfälle mit einer statistischen Trennschärfe (AUC-Wert) von 0,90 bei Morbus Crohn und 0,84 bei Colitis ulcerosa von den gesunden Kontrollpersonen zu unterscheiden. Eine Differenzierung zwischen komplizierten und nicht komplizierten Verläufen bei Morbus Crohn gelang mit einem Wert von 0,85.
Bisherige Therapien mit Antiphlogistika oder Immunsuppressiva schlagen nicht bei allen Patienten an; häufig sind chirurgische Eingriffe nötig, zudem besteht ein erhöhtes Darmkrebsrisiko. Eine verlässliche Früherkennung könnte künftig ein therapeutisches Zeitfenster öffnen, bevor irreversible Gewebeschäden entstehen.
Da Blutwerte oft komplex sind und von Experten unterschiedlich interpretiert werden können, hilft dieser 25-seitige Leitfaden dabei, wichtige Vitalstoff-Parameter und Laborergebnisse selbst besser zu verstehen. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck hier herunterladen
Status als Forschungsinstrument und offene Fragen
Trotz der präzisen Klassifizierung handelt es sich bei der Studie um einen methodischen Machbarkeitsnachweis (Proof-of-Principle) und nicht um einen klinisch einsatzfähigen Frühtest.
Da die Daten retrospektiv an einer spezifischen militärischen Kohorte gewonnen wurden, steht eine unabhängige, prospektive Bestätigung in größeren und diverseren Bevölkerungsgruppen noch aus. Eine Zusage für eine tatsächliche Krankheitsprävention lässt sich daraus gegenwärtig nicht ableiten.
Auch der an der Studie nicht beteiligte Gastroenterologe James Lindsay ordnete die Ergebnisse entsprechend ein: Er sprach von wertvollen wissenschaftlichen Einblicken in die Entstehungsprozesse von CED, betonte jedoch zugleich, dass die verwendeten Technologien gegenwärtig primär ein Forschungsinstrument darstellten.
