Burnout, Betrieb

Burnout im Betrieb: Ausfalltage steigen um 77 Prozent – Führung zählt

Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 15:10 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Psychisch bedingte Fehlzeiten und Krankengeldausgaben steigen; Fachorganisationen setzen auf bessere Führung, Arbeitsgestaltung und Gefährdungsbeurteilungen.

Psychische Gesundheit im Betrieb: Verbände fordern wirksame Prävention
Ein leerer, modern gestalteter Büroflur mit natürlichem Lichteinfall und minimalistischer Einrichtung als Symbol für Arbeitskultur. Illustration mit AI erstellt.

Anlässlich des Welttages der seelischen Gesundheit am 10. Oktober 2026 weisen Fachorganisationen, Verbände und Krankenkassen auf den dringenden Reformbedarf im betrieblichen Gesundheitsmanagement hin.

Institutionen wie die TÜV Rheinland AG, die SRH, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), asz Arbeitspsycholog:innen, der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) betonen übereinstimmend, dass symbolische Angebote wie Obstkörbe oder Yoga-Kurse nicht vor Burnout schützen. Effektive Prävention erfordere stattdessen eine verlässliche Führungskultur, angepasste Arbeitsstrukturen sowie eine professionelle Rehabilitation.

Steigende Fehlzeiten und lange Krankheitsphasen

Auswertungen der Krankenkassen verdeutlichen das Ausmaß der Belastung. Wie das WIdO im Fehlzeiten-Report 2026 darlegt, stiegen die Fehlzeiten infolge psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten Beschäftigten innerhalb von zehn Jahren um knapp 42 Prozent. Während im Jahr 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder verzeichnet wurden, waren es 2025 bereits 403 Tage.

Auch der AOK-Bundesverband beziffert diesen Wert für 2025 auf 403 Tage bei einer durchschnittlichen Falldauer von fast 29 Tagen. Laut WIdO lag die durchschnittliche Krankschreibung je Fall bei psychischen Diagnosen bei 28,5 Tagen, während Atemwegserkrankungen im Jahr 2025 lediglich 5,7 Tage verursachten.

Besonders stark nahmen Burnout-Diagnosen zu, deren Ausfalltage laut WIdO um 77 Prozent stiegen – von 11,0 Tagen je 100 AOK-Mitglieder im Jahr 2016 auf 19,5 Tage im Jahr 2025. Insgesamt belief sich das Arbeitsunfähigkeitsvolumen über alle Diagnosen im Jahr 2025 auf 23,3 Tage je Mitglied, nach 24,5 Tagen im Jahr 2022 sowie jeweils 23,9 Tagen in den Jahren 2023 und 2024. Bei den DAK-versicherten Beschäftigten verzeichnete die SRH für 2025 rund 366 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte, was einem Zuwachs von 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht; die durchschnittliche Krankschreibung dauerte hier 34,2 Tage.

Die finanziellen Folgen sind erheblich: Die Krankengeld-Ausgaben für psychische Erkrankungen wuchsen zwischen 2021 und 2025 laut WIdO um 54 Prozent, während die Ausgaben für somatische Erkrankungen um 27 Prozent zulegten.

Die Zahl der Krankengeldfälle stieg um 25 Prozent. Insgesamt erreichten die Krankengeld-Ausgaben im Jahr 2025 eine Höhe von 21,6 Milliarden Euro oder 6,1 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung.

Belastungsfaktoren in Arbeitsorganisation und Führung

In Österreich zeigt sich ein paralleler Trend. Nach Angaben von asz Arbeitspsycholog:innen dauerten Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen im Jahr 2025 durchschnittlich 36,7 Tage, verglichen mit 9,1 Tagen über alle Diagnosen hinweg.

Laut dem Fachkräfteradar 2026 steigt die Arbeitsintensität in 81 Prozent der von Personalmangel betroffenen Betriebe, während 64 Prozent von einer Zunahme der Überstunden berichten.

Als Warnsignale für betriebliche Überlastung identifiziert das asz zunehmende Konflikte, ein verändertes Miteinander, das lange Weiterfunktionieren von Leistungsträgern, gehäufte Fehler und Konzentrationsprobleme sowie ausbleibende Erholung.

Anzeige

Wer sich mit den Folgen von Arbeitsintensität und Stress im Betrieb befasst, sollte die psychologischen Faktoren von Führung verstehen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt, wie Sie echtes Vertrauen aufbauen und die psychologische Sicherheit in Ihrem Team stärken. Psychologische Werkzeuge für wirksame Führung kostenlos herunterladen

Dr. Gustav Wirtz von der SRH RPK Wiesloch mahnt, Stress dürfe nicht bloß als individuelles Versagen behandelt werden. Betriebe stünden in der Pflicht, realistische Arbeitsmengen, ausreichende Personalbesetzungen und verlässliche Arbeitszeiten sicherzustellen. Auch TÜV Rheinland unterstreicht, dass vor allem eine gute Führungskultur die seelische Gesundheit nachhaltig stärke.

Der ÖGB, der rund 1,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich vertritt, fordert wirksame Maßnahmen gegen psychische Belastungen sowie lebensphasenorientierte Arbeitsmodelle. Claudia Neumayer-Stickler vom ÖGB hebt hervor, dass die psychische Gesundheit der Beschäftigten keinesfalls zur Privatsache deklariert werden dürfe.

Gesetzliche Instrumente und Praxisansätze

Zur Woche der Seelischen Gesundheit, die vom 10. bis 20. Oktober 2026 unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander“ stattfindet, rücken DGUV, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen konkrete Gestaltungsschritte in den Mittelpunkt.

Bereits klare Zuständigkeiten, eindeutige Kommunikationswege, verlässliche Pausenregelungen und erweiterte Handlungsspielräume könnten den Stress spürbar senken. Das zentrale Instrument hierfür sei die Gefährdungsbeurteilung, die auch der AOK-Bundesverband als arbeitsschutzrechtliche Verpflichtung hervorhebt. In Österreich besteht eine Pflicht zur Evaluierung arbeitsbedingter psychischer Belastungen bereits seit dem 1. Januar 2013.

Anzeige

Um den gesetzlichen Pflichten im Arbeitsschutz nachzukommen und die Belastung im Team rechtssicher zu dokumentieren, sind strukturierte Hilfsmittel unerlässlich. Diese kostenlosen Vorlagen und Checklisten helfen Arbeitgebern und Verantwortlichen dabei, Gefährdungsbeurteilungen schnell und behördenkonform zu erstellen. Kostenlose GBU-Vorlagen und Checklisten jetzt sichern

DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer weist darauf hin, dass Unternehmen für solche Anpassungen nicht bei null anfangen müssten; praxisnahe Vorlagen bündele etwa das Portal Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung (ESA). Zudem bildet die seelische Gesundheit das Schwerpunktthema der Nationalen Präventionskonferenz 2026.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70279100 |