Burnout: Ausfalltage bei AOK-Mitgliedern steigen binnen zehn Jahren um 77 Prozent
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 22:15 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Ausfalltage aufgrund von Burnout-Diagnosen haben im Zehnjahresvergleich deutlich zugenommen. Wie der Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, kletterte die Zahl der Ausfalltage wegen Burnout von 11,0 Tagen je 100 AOK-Mitglieder im Jahr 2016 auf 19,5 Tage im Jahr 2025. Dies entspricht einem Anstieg um 77 Prozent.
Insgesamt summierten sich die Fehlzeiten infolge psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten Beschäftigten im Jahr 2025 auf 403 Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) je 100 Mitglieder, nachdem dieser Wert im Jahr 2016 noch bei 284 Tagen gelegen hatte.
Sowohl die gesetzlichen Krankenkassen als auch der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) verzeichnen parallel zu den steigenden Fehltagen wachsende finanzielle Aufwendungen für die Behandlung seelischer Leiden.
Hohe Falldauer und Belastungsschwerpunkte
Zwar verursachten psychische Erkrankungen im Jahr 2025 bezogen auf 100 AOK-Versicherte lediglich 14,1 AU-Fälle, doch lag die durchschnittliche Dauer mit 28,5 Tagen je Fall auf einem hohen Niveau.
Im Vergleich dazu führten Atemwegserkrankungen zwar zu 80,3 Fällen je 100 Versicherte, dauerten im Schnitt jedoch nur 5,7 Tage. Die längsten Ausfallzeiten gingen auf Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen zurück, gefolgt von depressiven Episoden.
Der Gesamtkrankenstand über alle Diagnosen hinweg belief sich 2025 auf 23,3 AU-Tage je AOK-Mitglied, nach 24,5 Tagen im Jahr 2022 sowie jeweils 23,9 Tagen in den Jahren 2023 und 2024. Für das erste Halbjahr 2026 lag das Niveau unter dem des Vorjahreszeitraums.
Besonders stark von psychisch bedingten Arbeitsausfällen betroffen waren bestimmte Tätigkeitsbereiche:
* Im Dialogmarketing wurden 39,0 AU-Fälle je 100 Mitglieder registriert.
* In der Haus- und Familienpflege lag der Wert bei 25,6 Fällen.
* Die Altenpflege verzeichnete 24,9 Fälle, gefolgt von Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik mit 24,6 Fällen.
* In der Kinderbetreuung und Erziehung traten 23,0 Fälle je 100 Mitglieder auf.
Auf regionaler Ebene meldete die AOK Sachsen-Anhalt für 2025 insgesamt 470 psychisch bedingte Fehltage je 100 versicherte Beschäftigte, verglichen mit 292 Fehltagen vor zehn Jahren. Auch dort traten die Diagnosen vor allem in Callcentern, Erziehungsberufen und der Pflege auf.
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Ausgabenentwicklung bei gesetzlichen und privaten Kassen
Der Anstieg spiegelt sich in den Kassenfinanzen wider. Nach vorläufigen Daten des AOK-Bundesverbands erreichten die Krankengeld-Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Jahr 2025 eine Summe von 21,6 Milliarden Euro, was 6,1 Prozent der GKV-Gesamtausgaben entsprach. Zehn Jahre zuvor hatten sie 11,2 Milliarden Euro beziehungsweise 5,2 Prozent betragen.
Nach Angaben der Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann, stiegen die Krankengeldfälle wegen psychischer Erkrankungen zwischen 2021 und 2025 um 25 Prozent, während somatische Fälle rückläufig waren. Die entsprechenden Krankengeldausgaben für psychische Diagnosen legten um 54 Prozent zu, gegenüber 27 Prozent bei somatischen Erkrankungen.
Auch die Private Krankenversicherung verzeichnet Kostensteigerungen. Laut Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP), stiegen die PKV-Ausgaben für ärztliche Leistungen in Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr 2025 um 20,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der PKV-Verband teilte zudem mit, dass eingehende psychiatrische Untersuchungen im Jahr 2025 zu knapp 80 Prozent häufiger abgerechnet wurden als 2024.
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Versorgungskapazitäten und gesetzliche Rahmenbedingungen
Die Inanspruchnahme ambulanter Angebote bleibt hoch. Über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg wurden 2025 landesweit 5.451 psychotherapeutische Erstgespräche für Erwachsene vermittelt, gegenüber 875 im Jahr 2019. Die Wartezeiten auf ambulante Termine in Brandenburg bezifferten die Sana Kliniken Niederlausitz für 2025 auf drei bis sechs Monate, während dringende Fälle in Senftenberg meist innerhalb von ein bis zwei Tagen versorgt werden konnten. Im Krankenhaus Spremberg mit seinen regionalen Tageskliniken fielen jährlich rund 1.900 Behandlungsfälle an, verbunden mit mehrwöchigen Wartezeiten.
Auf gesundheitspolitischer Ebene brachten die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD Anfang Oktober 2026 einen Änderungsantrag zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ein. Dieser sieht vor, psychotherapeutische Leistungen für Kinder, Jugendliche und schwer psychisch Erkrankte ab dem 1. Januar 2027 weiterhin extrabudgetär zu vergüten.
Rolf Wachendorf, Vorstand von MEDI Baden-Württemberg, forderte in diesem Zusammenhang, die extrabudgetäre Vergütung der Akutbehandlung nicht ausschließlich an die Vermittlung über Terminservicestellen zu knüpfen, sondern regionale Priorisierungsstrukturen und Dringlichkeitskriterien anzuerkennen.
