Burnout am Arbeitsplatz: Workarounds gehen mit 74 Prozent höherem Risiko einher
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deArbeitsbedingte Erschöpfung wird in vielen Unternehmen vorrangig als individuelles Problem wahrgenommen. Daten aus der Untersuchung „State of Workplace Burnout 2026“ von Infinite Potential unter Leitung von Dr. John Chan, für die 1.679 Beschäftigte aus zwölf Ländern auf Basis der Kriterien der Weltgesundheitsorganisation befragt wurden, zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Demnach sind vor allem strukturelle Mängel in der Arbeitsorganisation – darunter fehlerhafte Abläufe, ständige Unterbrechungen und erzwungene Behelfslösungen – wesentliche Treiber psychischer Belastungen.
Systemreibung und Behelfslösungen im Arbeitsalltag
Ein zentraler Befund des Berichts betrifft den täglichen Umgang mit unzureichenden betrieblichen Abläufen: 71 Prozent der Beschäftigten greifen auf eigene Workarounds zurück, um schlecht gestaltete interne Prozesse zu umgehen. Diese sogenannte Systemreibung, zu der veraltete oder defizitäre Systeme, Doppelarbeit sowie unklare Anweisungen zählen, ist mit um 74 Prozent höheren Burnout-Wahrscheinlichkeiten verbunden.
Ebenso belastend wirkt sich die Zersplitterung des Arbeitstags aus. Häufiges Wechseln zwischen Aufgaben und kontinuierliche Unterbrechungen steigern die Burnout-Wahrscheinlichkeit um 53 Prozent.
Laut separater Forschung werden im Schnitt 15 Minuten benötigt, um nach einer Ablenkung die ursprüngliche Konzentration wiederzuerlangen. Wenn Beschäftigte fortlaufend aus Arbeitsabläufen gerissen werden, führt dieser Mechanismus zu einer dauerhaften Verdichtung der verbleibenden Arbeitszeit.
Erschöpfung, Einsamkeit und Defizite bei der Unterstützung
Über die untersuchten Märkte hinweg liegt die Burnout-Rate bei 36 Prozent. Die Spannweite verdeutlicht dabei den enormen Einfluss der betrieblichen Rahmenbedingungen: Während unter den am besten unterstützten Beschäftigten 14 Prozent von Burnout betroffen sind, steigt der Anteil bei jenen mit der geringsten Unterstützung auf 66 Prozent.
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Auch das Sicherheitsgefühl am Arbeitsplatz spielt eine gewichtige Rolle; zwischen den am stärksten und am wenigsten abgesicherten Kräften zeigt sich eine Differenz von 45 Prozentpunkten.
Die Folgen der dauerhaften Prozessreibung zeigen sich deutlich im Wohlbefinden: 74 Prozent der Teilnehmenden beenden ihren Arbeitstag mental und emotional erschöpft. Fast die Hälfte der Beschäftigten meldet für das vergangene Jahr eine Verschlechterung des eigenen Befindens.
Zudem geben 48 Prozent an, sich am Arbeitsplatz einsam oder ausgeschlossen zu fühlen. In dieser Gruppe liegt die Burnout-Quote bei 52 Prozent, verglichen mit 25 Prozent unter Beschäftigten ohne Einsamkeitsgefühle.
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Gleichzeitig greifen bestehende Hilfsangebote in vielen Betrieben zu kurz. Zwar benötigten 39 Prozent der Befragten professionelle psychologische Hilfe, erhielten diese jedoch nicht; in regionalen Teilauswertungen, etwa für Australien, traf dies auf fast jeden Vierten zu. Betriebliche Unterstützungsprogramme, sogenannte Employee Assistance Programs (EAP), verzeichnen laut den Daten lediglich Nutzungsraten zwischen 10 und 17 Prozent.
Wirtschaftliche Folgen und Produktivitätsverluste
Die organisatorischen Defizite schlagen sich auch ökonomisch nieder. Laut der Untersuchung kommen 54 Prozent der Beschäftigten mit dem von ihnen erwarteten Arbeitspensum nicht mehr mit. Das wirkt sich direkt auf die betriebliche Wertschöpfung aus: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht unter Burnout leiden, weisen eine 2,8-mal höhere Wahrscheinlichkeit auf, in den vergangenen sechs Monaten eine hohe Produktivität erzielt zu haben; in australischen Auswertungen sind sie fast dreimal häufiger hochproduktiv.
Die volkswirtschaftlichen Dimensionen ungelöster Überlastung sind beträchtlich. Laut dem Bericht „Economic Case“ belaufen sich die Kosten arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen allein für die australische Wirtschaft auf voraussichtlich 27 Milliarden Australische Dollar pro Jahr bis 2041. Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass reine Entlastungsangebote für Einzelpersonen die Ursachen nicht beheben, solange interne Reibungspunkte und ineffiziente Arbeitsstrukturen die tägliche Belastung fortlaufend anfachen.
