Buckelwal-Kuh sucht stundenlang Nähe zu totem Kalb
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 11:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWSVor der australischen Gold Coast hat eine junge Buckelwal-Kuh fast zwei Stunden lang die Nähe zu ihrem toten Kalb gesucht und den Körper wiederholt berührt.
Beobachtung vor Palm Beach Reef
Das Geschehen ereignete sich an einem Wintermorgen vor Palm Beach Reef. Zwei Buckelwale schwammen durch das flache Wasser, als einer der Tiere immer wieder an einer Stelle am Meeresboden verweilte. Eine dort hinabgelassene Kamera zeigte das tote Kalb.
Die Wal-Kuh tauchte mehrfach zu dem Körper hinab, berührte ihn mit Kopf und Brustflosse und legte sich Auge an Auge neben ihn. Ein zweiter erwachsener Wal blieb in ihrer Nähe; zudem waren Lautäußerungen zu hören.
Erster detailliert dokumentierter Fall
Der deutsch-australische Meeresbiologe Olaf Meynecke von der Griffith University wertete die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville aus und verfasste dazu eine Studie. Nach Angaben der Forscher handelt es sich um den ersten detailliert dokumentierten Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.
Die Wal-Kuh versuchte nicht, das tote Kalb an die Oberfläche zu bringen. Normalerweise helfen Muttertiere ihren neugeborenen Kälbern beim ersten Atemzug. Meynecke nannte als mögliche Erklärungen, dass die Mutter dazu nicht in der Lage gewesen sein könnte oder erkannt habe, dass das Kalb nicht mehr lebe.
Ähnliche Beobachtungen bei Orcas
Besonders bekannt ist das Verhalten des Orca-Weibchens Tahlequah. Es trug 2018 sein totes Kalb vor der nordamerikanischen Küste 17 Tage lang mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück. Auch bei Grindwalen und Delfinen wurde beobachtet, dass sie tote Jungtiere längere Zeit mit sich führten.
Bei Schimpansenmüttern ist dokumentiert, dass sie tote Jungtiere noch Tage, Wochen oder Monate tragen. In einer australisch-neuseeländischen Studie mit 159 Hunden und 152 Katzen berichteten Halter nach dem Tod eines tierischen Gefährten ebenfalls von verändertem Fress- und Suchverhalten.
Elefanten bleiben bei Verstorbenen
Elefanten versammeln sich häufig an Kadavern, berühren und beschnuppern sie, bewachen sie oder kehren später zurück. Beobachtet wurden auch Versuche, sterbende Tiere zu stützen oder tote Kälber fortzutragen. Teilweise bedecken Elefanten tote Artgenossen mit Erde oder Pflanzen.
Als 2013 die 55 Jahre alte Elefantenkuh Victoria in Kenia starb, blieb ihre Familie bei ihr. Ihre Tochter Noor verweilte bei der Mutter, während ihr Sohn Malasso sie mit den Stoßzähnen anstieß. Wochen später suchten auch Elefanten aus anderen Familien Victorias Überreste auf.
Was Tiere dabei empfinden
Ob solche Reaktionen Trauer im menschlichen Sinn darstellen, bleibt offen. Forschende können das Verhalten beobachten, aber nicht direkt auf die inneren Empfindungen der Tiere schließen. Sicher ist jedoch, dass viele soziale Arten ihren Umgang mit einem toten Artgenossen deutlich verändern.
Beobachtung statt Beweis innerer Gefühle
Die dokumentierte Reaktion der Buckelwal-Kuh ist wissenschaftlich vor allem deshalb bedeutsam, weil sie über längere Zeit wiederholten Körperkontakt und die Nähe zum toten Kalb zeigt. Daraus lässt sich ein verändertes Verhalten ableiten. Ob dabei ein inneres Erleben vorliegt, das menschlicher Trauer entspricht, können Forschende jedoch nicht unmittelbar feststellen.
Bei Meeressäugern erschwert die Lebensweise im Wasser die Beobachtung zusätzlich. Kadaver können absinken, treiben oder von der Strömung verdriftet werden; zugleich sind Begegnungen selten und oft nur kurz dokumentierbar. Jeder einzelne Fall erweitert deshalb die Datenbasis, erlaubt aber nur vorsichtige Vergleiche zwischen Arten.
Verlustverhalten bei vielen sozialen Arten
Die Beispiele von Orcas, Delfinen, Elefanten und Schimpansen weisen auf ein wiederkehrendes Muster hin: Sozial lebende Tiere reagieren auf den Tod eines Artgenossen häufig mit Nähe, Berührung, Bewachen oder veränderten Bewegungs- und Fressgewohnheiten. Besonders gut erforscht sind dabei Arten mit engen Familienbindungen und langen Lernphasen der Jungtiere.
Für die Bewertung ist entscheidend, Verhalten nicht vorschnell mit menschlichen Begriffen gleichzusetzen. Möglich sind auch andere Erklärungen, etwa ein fortbestehender Pflegeimpuls, Orientierung am Geruch oder die Schwierigkeit, den Zustand des Jungtiers einzuordnen. Für Leserinnen und Leser bedeutet der Fall daher zweierlei: Er macht die soziale Komplexität von Walen sichtbar und zeigt zugleich, wie begrenzt Aussagen über tierische Gefühle bleiben.
