Bremer Appell: 100+ Persönlichkeiten fordern Vermögensteuer ab 10 Millionen
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 03:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Initiative um den früheren Bremer Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) hat mit dem sogenannten Bremer Appell einen detaillierten Vorstoß für eine veränderte Steuerpolitik vorgelegt. Mehr als 100 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Verbänden unterzeichneten das Papier, das unter anderem im Internetauftritt der Initiative veröffentlicht wurde.
Zu den Unterstützern zählen Ökonom Rudi Hickel, VdK-Präsidentin Verena Bentele, Peter Lüchinger, die frühere Bremer Bürgermeisterin Karoline Linnert (Bündnis 90/Die Grünen) sowie der frühere SPD-Bundesvorsitzende Norbert Walter-Borjans. Weitere Unterstützer sollen sich dem Aufruf in den kommenden zwei Wochen anschließen können.
Kernforderungen und Verteilungsdaten der Initiative
Im Zentrum des Bremer Appells steht die Forderung nach einer Besteuerung sehr großer Vermögen und Nachlässe. Konkret verlangt das Papier eine Reform der Erbschaftsteuer für Erbschaften und Schenkungen ab einem Wert von 5 Millionen Euro.
Zudem fordern die Unterzeichner die Wiedereinführung der Vermögensteuer ab einem Vermögen von 10 Millionen Euro. Für Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro sowie über einer Milliarde Euro sieht das Konzept stufenweise ansteigende Steuersätze vor.
Die Initiatoren begründen ihre Forderungen mit einer starken Konzentration des Kapitals. Den im Appell genannten Berechnungen zufolge verfügen 5.000 Personen in Deutschland – was einem Bevölkerungsanteil von 0,007 Prozent entspricht – über mehr als 27 Prozent des gesamten Vermögens. Rund 700.000 Menschen, mithin 1,0 Prozent der Bevölkerung, halten mehr als 50 Prozent des Vermögens.
Das Vermögen eines Milliardärs in Deutschland wachse in 90 Minuten rechnerisch um etwa 54.000 Euro, was dem Jahreseinkommen einer durchschnittlichen Familie entspreche. Zugleich entgehen dem Fiskus laut dem Text jährlich rund 8,8 Milliarden Euro an Steuereinnahmen durch bestehende Ausnahmeregelungen bei der Erbschaftsteuer.
Der Bremer Appell fordert die Wiedereinführung einer Vermögensteuer ab 10 Millionen Euro sowie eine Reform der Erbschaftsteuer ab 5 Millionen Euro — beides ist bislang ein Vorschlag, kein geltendes Recht. Wer größere Vermögen hält, sollte die vorgeschlagenen Stufen und die bestehenden Freibeträge dennoch kennen. Kostenlosen Leitfaden zum Vermögensschutz anfordern
Debatte im Umfeld steuerpolitischer Weichenstellungen
Die Veröffentlichung des Appells erfolgte gezielt vor bundesweit angekündigten Protesten gegen Einschnitte im Sozialbereich. Für Samstag, den 26. September 2026, plant etwa der DGB Nordrhein-Westfalen eine Großdemonstration in Essen im Rahmen eines bundesweiten Aktionstags mit Kundgebungen in 15 Großstädten.
Gewerkschaften und ein aus 14 Organisationen bestehendes Sozialstaatsbündnis – dem unter anderem Wohlfahrtsverbände, der Mieterbund sowie Umweltgruppen angehören – fordern anlässlich der Haushaltsberatungen eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen, Erbschaften und Vermögen.
Die Diskussion fällt zudem in eine Phase grundlegender steuerpolitischer Auseinandersetzungen. Nach Angaben von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil belaufen sich die in Deutschland jährlich vererbten Vermögenswerte auf rund 300 bis 400 Milliarden Euro, während das Erbschaftsteueraufkommen etwa 13 Milliarden Euro beträgt.
Im Oktober 2026 steht eine Verhandlung über die Verfassungsmäßigkeit der Verschonungsregeln für Betriebsvermögen an. Laut OECD zählte Deutschland für 2025 zudem zur internationalen Spitze bei der Besteuerung des Faktors Arbeit: Bei einem kinderlosen, alleinstehenden Durchschnittsverdiener erreichte der Steuer- und Abgabenkeil 49,3 Prozent der Arbeitskosten, womit lediglich Belgien höher lag.
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Während der Parteivorstand der SPD am 21. September 2026 in einem Neun-Punkte-Papier für einen gerechten Aufbruch eine stärkere Heranziehung millionenschwerer Nachlässe zur Bildungsfinanzierung forderte, kommt aus der Immobilienbranche deutlicher Widerspruch. Der Eigentümerverband Haus & Grund Deutschland wies das Modell der Sozialdemokraten zurück.
Präsident Kai Warnecke bemängelte, dass ein Freibetrag von einer Million Euro die Realität vermieteter Mehrfamilienhäuser in vielen Regionen verkenne und mangels Anpassung an steigende Immobilienpreise zu Zwangsverkäufen an Investoren oder Mieterhöhungen führen könne.
