Bluthochdruck-Warnung, Krisen

Bluthochdruck-Warnung: KI erkennt Krisen bis zu 72 Stunden im Voraus

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Google-Forschungsmodell erkennt erhöhte Blutdruckwerte, ersetzt laut Studienautoren jedoch keine klinische Diagnose.
Ein heller, minimalistischer Untersuchungsraum in einer Klinik mit natürlichem Licht und medizinischen Geräten im Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Die kontinuierliche Erfassung des Blutdrucks gilt in der Kardiologie als zentraler Baustein zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Forscher von Google Research haben in Zusammenarbeit mit der Harvard Medical School und der University of Washington in der Fachzeitschrift Nature eine Untersuchung zu einem neuen Ansatz vorgelegt: Das KI-System namens AI-PPG-ACC-HTN soll Bluthochdruck über herkömmliche Smartwatch-Sensoren erkennen, ohne dass dafür eine regelmäßige Kalibrierung über eine klassische Druckmanschette erforderlich ist.

Das System kombiniert Signale der Photoplethysmographie (PPG) mit Beschleunigungssensordaten zur Erfassung ballistokardiographischer Bewegungen. Die prospektive Multicenter-Validierung erfolgte im Vergleich zur 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABPM) an fünf US-Zentren mit 196 Teilnehmern, die weder kardiovaskuläre Vorerkrankungen aufwiesen noch Blutdruckmedikamente einnahmen.

Ergebnisse und Testverfahren des Google-Modells

Vor dem klinischen Einsatz wurde das Modell mit 492.347 Stunden an Sensordaten von 2.109 Personen trainiert. In der Auswertung des ersten Screenings erreichte das System eine Sensitivität von 65,8 %, eine Spezifität von 90,0 % sowie einen positiven Vorhersagewert (PPV) von 80,6 %. Zum Vergleich: Ein herkömmliches Praxis-Screening kam auf eine Sensitivität von 55,3 % und einen PPV von 77,8 %.

In einem Bestätigungstest mit 48 Personen, die zuvor erhöhte Blutdruckwerte in der Praxis aufwiesen, verzeichnete das KI-System eine Sensitivität von 78,4 %, eine Spezifität von 90,9 % und einen PPV von 96,7 %.

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In einer wiederholten Messung in der Praxis lagen die Werte bei 67,6 % Sensitivität, 63,6 % Spezifität und 86,2 % PPV, während ein Heimmonitoring 89,2 % Sensitivität, 81,8 % Spezifität und 94,3 % PPV erreichte. Wie die Studienautoren Paolo Di Achille und Ming-Zher Poh darlegen, stellt das Verfahren allerdings ausdrücklich keinen Ersatz für eine vollwertige klinische Diagnose dar.

Unterschiedliche technische Ansätze im klinischen Vergleich

Neben rein optischen und bewegungsbasierten Algorithmen prüfen Mediziner auch Uhren mit miniaturisierten Druckmanschetten. Am Hospital Clínico San Carlos in Madrid untersuchten Forscher 50 Hypertonie-Patienten unter stabiler medikamentöser Behandlung.

Die Probanden trugen über 24 Stunden parallel eine Spacelabs-Oberarmmanschette und eine Huawei Watch D2. Die mittlere Differenz zwischen beiden Systemen lag bei 5 mmHg, wobei die Uhr tagsüber zu leicht niedrigeren systolischen Werten neigte. 75 % der Teilnehmer empfanden das Tragen der Uhr im Alltag als wenig bis kaum störend, 80 % schliefen nach eigenen Angaben gleich gut oder besser als mit der Standardmanschette, und 8 von 10 Teilnehmern bewerteten die Erfahrung mit der Uhr positiver. Langzeitdaten sowie Analysen weiterer Patientengruppen stehen noch aus.

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Der Hersteller Huawei vertreibt mittlerweile das Nachfolgemodell Watch D3, unter anderem in Spanien für rund 449 Euro. Das Gerät nutzt eine oszillometrische Messung über ein doppellagiges Luftkissen im Armband, verfügt über eine Zertifizierung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung (CE-MDR Klasse IIa) und erfasst Blutdruckprofile ambulant über 24 Stunden.

Prognostisches Potenzial von Verlaufsdaten

Dass die fortlaufende sensorische Überwachung auch zur Vorhersage akuter Verschlechterungen beitragen kann, zeigen Vorabergebnisse der American Heart Association vom 4. November 2026. Ein KI-Werkzeug analysierte die Rund-um-die-Uhr-Daten eines tragbaren Blutdruckmessgeräts und eines Handgelenk-Trackers bei 4.190 Erwachsenen mit Bluthochdruck im Stadium 2 über einen Zeitraum von zwölf Monaten.

Das System erkannte ein erhöhtes Risiko für eine hypertensive Krise bis zu 72 Stunden im Voraus. Erfolgte nach einem Warnhinweis innerhalb von 24 Stunden eine Anpassung der Medikation, verzeichneten die Mediziner rund 61 % weniger Krisen und 45 % weniger Besuche in Notaufnahmen.

Trotz der technologischen Fortschritte betonen kardiologische Organisationen weiterhin die Notwendigkeit ärztlicher Kontrollen. Während Sensor- und KI-Funktionen vor allem der Früherkennung dienen, empfiehlt etwa die Deutsche Hochdruckliga für die gesicherte Diagnose und Therapiekontrolle nach wie vor den Einsatz validierter Oberarmmessgeräte.

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