Blutdrucksenker, Patienten

Blutdrucksenker im Alter: Wann gebrechliche Patienten weniger Medikamente brauchen

Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 05:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bei gebrechlichen Hochbetagten kann eine ärztlich begleitete Dosisreduktion erwogen werden; eigenmächtiges Absetzen birgt erhebliche Risiken.
Ein sonnendurchfluteter, ruhiger Raum in einer Senioreneinrichtung mit einem schlichten Nachttisch und einem Glas Wasser. Illustration mit AI erstellt.

Fachbeiträge erörtern vermehrt die Voraussetzungen und Kriterien für die Reduktion oder das vollständige Absetzen von Blutdrucksenkern bei gebrechlichen Patienten. Bei gebrechlichen Hochbetagten kann eine Verringerung der Antihypertensiva sinnvoll sein, wenn die auftretenden Nebenwirkungen den klinischen Nutzen überwiegen. Für diese Patientengruppe bleibt auch eine Monotherapie eine relevante Behandlungsoption.

Herausforderungen bei der Altershypertonie

Bei einer Altershypertonie, definiert durch ein Alter von über 60 Jahren und Blutdruckwerte an mindestens drei verschiedenen Tagen von mindestens 140/90 mm Hg nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation und JNC7, wird eine langsam einschleichende und niedrig dosierte Therapie mit dem Zielwert von unter 140/90 mm Hg empfohlen.

Etwa 50 Prozent der über 60-Jährigen mit Bluthochdruck weisen eine isolierte systolische Hypertonie auf, die auf Arteriosklerose zurückgeht. In diesem Zusammenhang treten häufig orthostatische Hypotonie sowie starke Tagesschwankungen auf.

Wie Dr. Zhang Shunqin aus dem Fachbereich Familienmedizin am Chang Gung Hospital Chiayi darlegte, gehören Doppelverordnungen, Arzneimittelinteraktionen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu den typischen Risiken einer Polypharmazie. Schwindel könne bei Hypertonikern auch durch einen zu niedrigen Blutdruck verursacht werden, weshalb eine eigenmächtige Erhöhung der Dosis gefährlich sei.

Risiken eines unkontrollierten Therapieabbruchs

Fachleute warnen vor eigenmächtigen Schritten der Patienten. Ein Kardiologe betonte, dass das eigenständige Beenden der Behandlung bei normalisierten Messwerten wie etwa 125/75 mm Hg den häufigsten Behandlungsfehler darstelle. Der Wert sei stabil, weil das verordnete Medikament wirke. Jegliche Dosisanpassung dürfe ausschließlich nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.

Die Konsequenzen unüberlegter Abbrüche spiegeln sich in klinischen Beobachtungen wider: In der Notaufnahme waren 90 Prozent der Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer hypertensiven Krise Hypertoniker, die ihre Medikation zuvor über längere Zeit hinweg abgesetzt hatten. Auch bei stabilen Zielwerten sei die tägliche Einnahme in der ärztlich festgelegten Dosierung fortzuführen.

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Polypharmazie und Leitlinien für die Anpassung

Auf dem Congreso Médico Nacional 2026 in Costa Rica berichtete die Geriaterin Montserrat Méndez Brich, dass rund 60 Prozent der älteren Erwachsenen im Land von Polypharmazie betroffen sind, definiert als die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten.

Sechs von zehn Senioren mit fünf oder mehr Präparaten seien Frauen. Das höchste Risiko für Stürze, Blutungen und Krankenhauseinweisungen bestehe ab einem Alter von 85 Jahren sowie bei Multimorbidität, Gebrechlichkeit oder kognitiven Einschränkungen. Zur Prävention werden regelmäßige Medikationsprüfungen und das Vorlegen einer aktuellen Medikamentenliste bei jedem Arzttermin empfohlen.

Altersbedingte Veränderungen der Leber- und Nierenfunktion verlängern die Verweildauer von Wirkstoffen im Körper und verändern deren Konzentration. Zu den Gegenmaßnahmen gehören ein systematischer Medikationsabgleich, ärztlich begleitetes Deprescribing sowie Schulungen für Patienten und Pflegende. Das Ziel liegt dabei in der Therapieoptimierung und nicht in einer reinen Reduzierung der Tablettenzahl.

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Zur Erkennung ungeeigneter Therapien steht unter anderem die Klassifikation STOPP/START in der Version 3 bereit. Sie umfasst 190 Kriterien für potenziell inadäquate Verordnungen bei Menschen ab 65 Jahren, verglichen mit 115 Kriterien in der zweiten Version.

Der STOPP-Abschnitt beinhaltet 133 Kriterien, darunter 55 neue (41 Prozent), 23 modifizierte (17 Prozent) und 55 unveränderte (41 Prozent). Der START-Abschnitt zählt 57 Kriterien, davon 24 neu (42 Prozent), 15 modifiziert (26 Prozent) und 18 unverändert (32 Prozent).

Die Fachgesellschaft ISPE veröffentlichte 2025 methodische Dokumente und Empfehlungen zur Deprescribing-Forschung unter dem Namen REMROSE-D. Als häufige Lücke in bestehenden Analysen wird die fehlende Erfassung schrittweiser Dosisreduktionen angeführt.

Internationale Untersuchungen in elf Ländern zeigen eine hohe Zufriedenheit der Patienten mit strukturierten Absetzversuchen, wenngleich noch kein spezifisches Messinstrument etabliert ist.

Einzelne Erhebungen aus Italien belegen Fälle, in denen Senioren täglich über 20 verschiedene Medikamente einnehmen. Bewohner und Angehörige stehen dem kontrollierten Absetzen meist aufgeschlossen gegenüber, erwarten aber die Initiative des medizinischen Personals.

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