Bitkom-Studie: Mehrheit der Unternehmen setzt auf KI – Angst vor Existenzverlust und AI Act bleibt groß
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 15:19 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Erstmals setzt eine Mehrheit der Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland Künstliche Intelligenz ein, zugleich bleiben die Sorgen über Risiken und Regulierung groß.
Mehrheit setzt KI ein, Nutzung stark gestiegen
Nach einer aktuellen repräsentativen Studie des Digitalverbands Bitkom nutzen 57 Prozent der Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern hierzulande KI-Technologien. Das ist fast dreimal so viel wie noch vor zwei Jahren und zeigt, dass die Technologie im Alltag der Wirtschaft angekommen ist. In der Erhebung wurden 603 Unternehmen befragt, von denen viele erste konkrete Erfahrungen mit KI-Systemen gesammelt haben.
Wettbewerbsvorteile treffen auf Existenzängste
Zwei Drittel der KI-Anwender berichten laut Studie von einer verbesserten Wettbewerbsposition. Fast die Hälfte gibt an, interne Prozesse beschleunigt oder messbare Erfolge erzielt zu haben. Gleichzeitig glauben 61 Prozent der Befragten, dass Unternehmen ohne KI keine Zukunft mehr haben, und jedes dritte anwendende Unternehmen ist vor allem aus Angst vor dem Zurückfallen in die Technologie eingestiegen.
Bitkom sieht Zuversicht und Verunsicherung zugleich
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst spricht von großer Zuversicht und gleichzeitiger Verunsicherung im Umgang mit KI. Die Studie zeigt, dass viele Unternehmen KI als entscheidende Technologie der kommenden Jahre ansehen. Zugleich fürchten 34 Prozent mittlerweile, durch KI die eigene Existenz zu verlieren. Erfolgserlebnisse und existenzielle Sorgen liegen damit für viele Betriebe eng beieinander.
Potenziale werden bislang nur begrenzt ausgeschöpft
Der Großteil der befragten Unternehmen sieht sich bei der Nutzung von KI noch am Anfang. Kein Betrieb gibt an, das Potenzial der Technologie bereits vollständig auszuschöpfen. Während erste Projekte häufig im Kundenservice oder Marketing gestartet wurden, wandert KI nun tiefer in die Organisation, etwa ins Controlling, in die Produktion oder ins Wissensmanagement. Viele Firmen testen derzeit, wie sich KI in Kernprozesse integrieren lässt.
Kritik am europäischen AI Act wächst
Als gravierendes Hindernis bewerten zahlreiche Unternehmen die Rechtslage. Vor allem der europäische AI Act steht laut Studie massiv in der Kritik. Mehr als ein Drittel der Betriebe sieht sich direkt von der EU-Regulierung betroffen, ein weiteres Drittel prüft seine Betroffenheit aktuell. Von diesen Unternehmen rechnen 89 Prozent mit einem hohen bis sehr hohen bürokratischen Aufwand bei der Umsetzung der Vorgaben.
Hochrisiko-KI und Belastung für Unternehmen
Im Durchschnitt betreiben die betroffenen Firmen zwei KI-Systeme, die nach eigener Einschätzung in die streng kontrollierte Hochrisikoklasse fallen. Zwei Drittel der Unternehmen insgesamt sind inzwischen der Auffassung, der AI Act bringe mehr Nachteile als Vorteile für deutsche Betriebe. Viele sehen Anpassungen ihrer Prozesse und zusätzliche Kontrollmechanismen als unvermeidbar an.
Job-Sorgen relativieren sich mit Erfahrung
Beim Blick auf den Arbeitsmarkt zeichnet die Studie ein gemischtes Bild. Knapp die Hälfte der Unternehmen rechnet in den kommenden zwei Jahren mit einem leichten Rückgang der Beschäftigung. Gleichzeitig zeigt sich, dass praktische Erfahrung mit KI die Sorgen vor Jobverlusten dämpft. Anwender befürchten deutliche Einschnitte deutlich seltener als Nicht-Anwender.
Weiterbildung soll Beschäftigung sichern
Unternehmen, die KI aktiv nutzen, erwarten zugleich doppelt so häufig einen Beschäftigungszuwachs. Viele Betriebe setzen auf Qualifizierung als zentrales Instrument: Sieben von zehn Unternehmen investieren nach eigenen Angaben bereits in die Weiterbildung ihrer Belegschaft. Ziel ist es, Mitarbeitende auf den Umgang mit neuen Technologien vorzubereiten und neue Aufgabenfelder zu erschließen.
KI als strategischer Faktor in der deutschen Wirtschaft
Die aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom zeigt, dass Künstliche Intelligenz für viele Unternehmen in Deutschland zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor geworden ist. Wenn eine Mehrheit der Betriebe ab 20 Mitarbeitern KI-Lösungen einsetzt, markiert dies einen deutlichen Übergang von der Experimentierphase hin zu einer breiteren operativen Nutzung. Gleichzeitig bleibt das Einsatzspektrum häufig auf einzelne Funktionsbereiche wie Kundenservice, Marketing oder Controlling begrenzt, was darauf hindeutet, dass viele Firmen noch in Pilot- und Einführungsprojekten stecken und umfassende Transformationsprozesse erst anstehen.
Zwischen Innovationsdruck und Regulierungsbelastung
Bemerkenswert ist der starke Innovationsdruck: Ein erheblicher Teil der Unternehmen steigt laut Studie vor allem aus Furcht ein, ohne KI den Anschluss zu verlieren. Die Wahrnehmung, dass Unternehmen ohne KI „keine Zukunft“ haben, verstärkt diesen Druck zusätzlich. Parallel steht die europäische Regulierung mit dem AI Act im Fokus. Die Einschätzung, die Vorgaben brächten mehr Nachteile als Vorteile, spiegelt die Sorge wider, dass hohe Dokumentations- und Compliance-Anforderungen gerade mittelständische Betriebe überfordern könnten. Besonders betroffen sind Unternehmen, deren Systeme in die Hochrisikokategorie fallen und damit strengen Prüf- und Überwachungspflichten unterliegen.
Arbeitsmarkt und Qualifizierung als zentrale Stellschrauben
Für Beschäftigte zeichnet die Studie ein differenziertes Bild. Kurzfristig rechnen viele Firmen mit leicht sinkenden Mitarbeiterzahlen, zugleich relativiert praktische Erfahrung mit KI die anfänglichen Jobängste. Je intensiver Unternehmen KI einsetzen, desto häufiger wird ein Beschäftigungszuwachs erwartet – vorausgesetzt, die Belegschaft wird gezielt qualifiziert. Die hohe Bereitschaft zur Weiterbildung zeigt, dass Unternehmen den Schlüssel zur erfolgreichen KI-Nutzung in neuen Kompetenzen sehen: Datenverständnis, Prozessgestaltung und der sichere Umgang mit automatisierten Entscheidungssystemen gewinnen an Bedeutung. Für die deutsche Wirtschaft dürfte damit die Frage, wie schnell Qualifizierungsangebote und rechtliche Rahmenbedingungen mit der technologischen Entwicklung Schritt halten, zu einer zentralen Zukunftsfrage werden.
