Biologisches, Blutwerte

Biologisches Alter: 60 Blutwerte sagen das Sterblichkeitsrisiko genauer voraus

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 14:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Routine-Blutmarker prognostizierten die Sterblichkeit teils besser als epigenetische Uhren; Vitamin D zeigte begrenzte, nicht allgemeingültige Effekte.
Ein medizinisches Labor-Setup mit einer zentrifugierten Blutprobe in einem Reagenzglas auf einer sterilen Arbeitsfläche. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Analysen untersuchen zunehmend, ob gewöhnliche Routine-Blutwerte eine vergleichbare oder sogar bessere Aussagekraft über das biologische Alter und das Sterblichkeitsrisiko besitzen als kostenintensive DNA-Methylierungs-Tests.

Während kommerzielle Testkits für epigenetische Untersuchungen in den USA zwischen 149 und 499 US-Dollar kosten, liefern etablierte Blutmarker und metabolomische Profile präzise Einblicke in Alterungsprozesse, für die bislang kein Test eine lebensverlängernde Wirkung nachweisen konnte. Zudem rückt der Einfluss von Mikronährstoffen wie Vitamin D auf die zelluläre Alterung in den Fokus der Forschung.

Standardblutwerte übertreffen epigenetische Uhren bei Sterblichkeitsprognose

Eine im Fachjournal npj Aging erschienene Studie eines Forschungsteams um Fong aus dem Jahr 2025 zeigt, dass ein auf 60 Routinewerten basierendes Modell namens LinAge2 das Sterblichkeitsrisiko genauer prognostizieren konnte als etablierte epigenetische Uhren.

Bei der Untersuchung von 1.065 US-Erwachsenen aus der NHANES-Erhebung (1999–2000) über einen Nachbeobachtungszeitraum von 20 Jahren erzielte LinAge2 einen AUC-Wert von 0,844. Damit lag das Modell vor DNA-basierten Verfahren wie GrimAge2 mit 0,823, dem chronologischen Alter allein mit 0,793 sowie DNA-PhenoAge mit 0,786 und Horvath mit 0,778.

Bereits das aus neun Markern bestehende PhenoAge-Modell zeigte an 11.432 US-Erwachsenen bei 871 erfassten Todesfällen eine Hazard Ratio von 1,09 pro Jahr (95%-Konfidenzintervall 1,08–1,10).

Metabolomische Profile spiegeln Lebensstil und Krankheitsrisiken wider

Ergänzend zu klassischen Laborparametern gewinnt die Analyse von Stoffwechselprodukten an Bedeutung. Forschende entwickelten ein metabolomisches Altersmodell anhand von 5.252 gesunden Personen mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren und validierten dieses an weiteren 5.456 Gesunden.

Eine separate Sterblichkeitsmetrik wurde an 7.768 erkrankten Personen mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren erarbeitet. Ein reduziertes Panel aus 56 Metaboliten bewahrte dabei den Großteil der Vorhersagekraft eines umfassenden Sets von 232 Metaboliten.

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Eine beschleunigte metabolomische Alterung geht der Untersuchung zufolge mit erhöhten Risiken für Diabetes, Hypertonie, Fettleber und Gesamtmortalität einher, selbst nach Bereinigung um etablierte Gesundheitsmaße.

Faktoren wie aktives Rauchen, Passivrauch, Haarfärbemittel, Schichtarbeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie sowie der Verzehr von Innereien, Zucker, verarbeitetem Fleisch, Meeresfrüchten und Frittiertem erhöhen diesen Wert. Vollkornmischungen und körperliche Aktivität wirken ihm hingegen entgegen.

Unter den Einzelsubstanzen wies 3-Methylindol die stärkste positive und 4-Hydroxyprolin die stärkste inverse Assoziation mit der Sterblichkeit auf. Bei bestehendem Bluthochdruck zeigten Probanden mit Werten unter 140/90 mmHg bis 2023 günstigere Entwicklungen.

Die vorwiegend an einer chinesischen Population durchgeführte Beobachtungsstudie (DOI: 10.1126/scitranslmed.adz4815) bedarf jedoch noch unabhängiger Validierungen und ist bislang nicht für den klinischen Einsatz vorgesehen.

Begrenzte Aussagekraft für Endverbraucher

Trotz wissenschaftlicher Fortschritte warnen Fachleute vor voreiligen Schlüssen aus kommerziellen Tests. Eine in Nature Medicine veröffentlichte Untersuchung von Raghav Sehgal und Albert Higgins-Chen von der Yale University analysierte die TranslAGE-Datenbank mit 51 longitudinalen Interventionsstudien und 3.128 Proben über 16 epigenetische Uhren und 94 Biomarker hinweg.

Uhren, die auf Mortalität und Alterungsgeschwindigkeit trainiert wurden, reagierten dabei am stärksten. Pharmakologische Interventionen wie Metformin oder Anti-TNF führten zwar zu deutlichen Methylierungsänderungen, was laut Fachleuten jedoch keinen Beweis für eine tatsächliche Verjüngung darstellt.

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Steve Horvath stufte die Arbeit als ersten systematischen Test für Surrogatmarker ein, betonte jedoch, dass diese keinen Ersatz für direkte klinische Endpunkte darstellen.

Experten weisen darauf hin, dass die Messwerte stark durch Faktoren wie Tageszeit, die letzte Mahlzeit oder Schlafschwankungen beeinflusst werden können. Zudem liefern unterschiedliche Tests bei derselben Person teils abweichende Ergebnisse.

Da DNA-basierte Verfahren meist weiße Blutkörperchen analysieren, spiegeln sie Veränderungen in Organen wie Gehirn, Leber oder Bauchspeicheldrüse nicht zwangsläufig wider. Einzelne Tests gelten daher als wenig aussagekräftig, weshalb Fachleute zu bewährten Gesundheitsgewohnheiten und regulären Kontrollen von Cholesterin und Blutzucker raten.

Stellenwert von Vitamin D bei Alterungsprozessen

Im Bereich präventiver Maßnahmen wird auch Vitamin D als Einflussfaktor untersucht. In einer Teilauswertung der US-amerikanischen VITAL-Studie mit 1.054 Teilnehmenden ab 50 Jahren verloren Personen nach vierjähriger Einnahme von täglich 2.000 Internationalen Einheiten (IE) Vitamin D3 140 Basenpaare weniger Telomere als die Placebogruppe, was rechnerisch knapp drei Jahren Zellalterung entspricht; Omega-3-Fettsäuren zeigten diesen Effekt nicht. Die Hauptstudie an fast 26.000 Teilnehmenden ergab über gut fünf Jahre allerdings keine messbare Senkung der Gesamtmortalität.

Auswertungen der UK Biobank an 307.601 Personen belegen, dass das Sterberisiko bei sehr niedrigen Vitamin-D-Spiegeln stark ansteigt und bis zu einem Schwellenwert von rund 50 nmol/l deutlich abfällt, bevor die Kurve abflacht.

Eine Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) über 14 Studien mit knapp 105.000 Teilnehmenden zeigte zudem, dass eine tägliche niedrige Dosis die Krebssterblichkeit um 12 Prozent senkte, während monatliche Hochdosen wirkungslos blieben.

In Deutschland erreichen nach Angaben von RKI, BfR und DGE fast 60 Prozent der Bevölkerung den Blutwert von 50 nmol/l nicht; rund 15 Prozent der Erwachsenen weisen Werte unter 30 nmol/l auf. Während die DGE 20 Mikrogramm (800 IE) täglich empfiehlt, warnen Fachleute vor Überdosierungen.

Experten wie Sebastian Grönke vom Max-Planck-Institut betonen zudem, dass die Telomerlänge allein zur Altersbestimmung nicht ausreicht. Zwar sei die Behebung eines Mangels wesentlich, für gut versorgte Personen gebe es jedoch keinen Beleg für lebensverlängernde Effekte durch zusätzliche Gaben.

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