Betrug explodiert: Account-Übernahmen stiegen um 141 Prozent
Veröffentlicht: 03.07.2026 um 19:30 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Digitale Betrugsversuche erreichen Rekordniveau – Finanzinstitute weltweit beschleunigen den Umstieg auf sicherere Authentifizierungsverfahren.
Die traditionelle SMS-TAN hat ausgedient. Angesichts explodierender Betrugszahlen forcieren Banken und Zahlungsdienstleister den Wechsel zu biometrischen Passkeys. Branchenführer wie Visa treiben die Einführung der FIDO-Standard-Authentifizierung voran – mit weitreichenden Folgen für den deutschen und europäischen Finanzmarkt.
Visa startet Passkey-Offensive in Indien und Europa
Erst diese Woche hat Visa seinen Visa Payment Passkey (VPP) in Indien auf den Markt gebracht. Gemeinsam mit der IDFC FIRST Bank können Kreditkarteninhaber Transaktionen künftig per Gesichtserkennung, Fingerabdruck oder PIN freigeben. Das Ziel: die Abhängigkeit von SMS-TANs zu beenden, die zunehmend anfällig für Abfangen und Social Engineering sind.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die indische Zentralbank hatte bereits im September 2025 einen Rahmen für alternative Authentifizierungsverfahren geschaffen. Visa hat sich für den Start ein breites Partnernetz gesichert – darunter Zahlungsdienstleister wie Razorpay, Juspay und Pine Labs sowie Händler wie Paytm, Tata Starbucks und Myntra.
Parallel dazu testet Visa in Europa Passkeys im Rahmen seines neuen KI-Agenten-Zahlungssystems. Über 30 Finanzinstitute, darunter die Schweizer Anbieter Cornèrcard, Swisscard und Viseca, nehmen an den Praxisversuchen teil. Dabei unterstützen KI-Agenten die Abwicklung von Transaktionen, die Nutzer anschließend per Passkey autorisieren. Die Entwicklung fällt in eine Zeit rasant wachsender tokenisierter Zahlungen: Branchendaten zufolge erreichte ihr Anteil in der CEMEA-Region 2026 bereits 70 Prozent – 2023 waren es erst 26 Prozent.
Betrugswelle in Singapur und Großbritannien
Der Druck auf die Branche wächst. Eine Umfrage von BioCatch unter 100 Bankvorständen in Singapur zeigt: 91 Prozent der Befragten melden einen Anstieg der Betrugsversuche, 75 Prozent verzeichnen steigende finanzielle Verluste. Als größte Gefahren gelten Social Engineering und autorisierte Push-Zahlungsbetrügereien (APP).
Immerhin 36 Prozent der singapurischen Banken setzen bereits auf Verhaltensbiometrie – sie analysiert Nutzungsmuster statt statischer Zugangsdaten. Von den übrigen Instituten erwägen 75 Prozent die Einführung dieser Technologie.
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Großbritannien reagiert mit einem 250 Millionen Pfund schweren Programm zur nationalen Betrugsbekämpfung für die Jahre 2026 bis 2029. Branchenexperten kritisieren jedoch, dass bestehende Erstattungsmechanismen für APP-Betrug oft nur reaktiv wirken. Gefordert wird stattdessen „vorgelagerte Reibung" – also Maßnahmen, die Betrug bereits auf den sozialen Plattformen stoppen, bevor er das Bankensystem erreicht.
Die Schwachstelle der alten Sicherheit
Wie anfällig herkömmliche Verfahren sind, zeigen aktuelle Streitfälle in Nordamerika. In Nova Scotia verlor ein TD-Bank-Kunde 15.000 Dollar durch nicht autorisierte Überweisungen. Die Bank behauptete, die Transaktionen seien per TAN bestätigt worden – der Kunde beteuerte, nie einen Code erhalten zu haben. Cybersicherheitsexperten zweifeln angesichts solcher Fälle zunehmend an der Zuverlässigkeit TAN-basierter Ermittlungen.
Die Marktdaten untermauern diese Skepsis: Kontoübernahme-Betrug (Account Takeover) stieg zwischen 2021 und 2025 um 141 Prozent. Die finanziellen Folgen sind enorm: Branchenstudien zufolge kostet jeder durch betrügerische Rückbuchungen verlorene Dollar ein Unternehmen zwischen 3,75 und 4,61 Dollar an Gesamtausgaben.
KI als neuer Sicherheitsanker
Banken setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz, um die Sicherheitslücke zu schließen. Die State Bank of India (SBI) führte anlässlich ihres 71. Gründungstages am 3. Juli 2026 neue KI-Funktionen für ihre Plattform YONO ein – darunter verbesserte digitale Kontoeröffnung und Geschäftskunden-Tools für ihre 530 Millionen Kunden.
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In Afrika betonten nigerianische Regulierungsbehörden auf dem „Future of Banking Nigeria Summit" am selben Tag, dass digitales Vertrauen der zentrale Wachstumstreiber sein werde. Die Behörden entwickeln dort derzeit Standards für souveräne Cloud-Lösungen und KI-Strategien zur Cybersicherheit.
Der Trend ist klar: Marktforscher erwarten, dass bis 2028 20 Prozent der Großunternehmen spezielle „Cyber-Fraud-Fusion-Teams" aufbauen werden. Diese Einheiten sollen Cybersicherheit und Betrugsprävention bündeln – um der wachsenden Bedrohung durch „agentische KI"-Angriffe zu begegnen, die laut Umfragen bereits 79 Prozent der Betrugsexperten erlebt haben.
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