Berlin, Millionen

Berlin: 2,3 Millionen Überstunden im Schuldienst pro Jahr

02.07.2026 - 16:31:49 | boerse-global.de

Viele Betriebe dokumentieren Arbeitszeiten nicht rechtskonform. Berliner Lehrer leisten jährlich Überstunden im Wert von 1.300 Vollzeitstellen.

Arbeitszeiterfassung in KMU: Digitalisierung stockt trotz Rechtslage
Berlin - Eine Nahaufnahme einer digitalen Zeiterfassungsuhr mit einer Hand, die bereit ist, sich ein- oder auszustempeln, im Hintergrund ein unscharfes Büro. 02.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Besonders kleine und mittlere Unternehmen hinken hinterher.

EuGH-Urteil von 2019 setzte den Rahmen

Die Verpflichtung geht auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2019 zurück. Das Bundesarbeitsgericht bestätigte die Pflicht 2022 und leitete sie aus dem Arbeitsschutzgesetz ab. Eine detaillierte gesetzliche Neuregelung steht in Deutschland weiterhin aus.

Ein Arbeitspapier des Bundesarbeitsministeriums skizziert eine elektronische Erfassungspflicht ab zehn Mitarbeitern. Diese soll demnach auch für Vertrauensarbeitszeit gelten. Anfang Juli diskutierte die Politik zudem, starre tägliche Höchstarbeitszeiten zugunsten flexiblerer Wochenarbeitszeiten zu lockern.

Die Wirtschaft fordert ein Opt-out-Modell mit Arbeitszeiten bis zu 60 Stunden. Leitende Angestellte ab einer Gehaltsschwelle von 150.000 Euro jährlich sollen ausgenommen werden.

Nur jede zweite Firma setzt auf rein digitale Systeme

Die Praxis in KMU zeigt ein gemischtes Bild. Laut einer Befragung unter 300 Personalentscheidern vom Juli 2026 nutzt lediglich die Hälfte der Betriebe rein digitale Systeme. Rund 34 Prozent setzen auf Mischformen – Excel-Tabellen, Papierlisten oder E-Mails.

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Ein kleiner Teil plant die Einführung digitaler Lösungen innerhalb der nächsten sechs Monate. Etwa fünf Prozent warten die endgültige gesetzliche Regelung ab. Experten betonen: Für Handwerk und Baugewerbe ist die Offline-Fähigkeit digitaler Systeme entscheidend, um projektgenaue Dokumentation auf Baustellen zu gewährleisten.

Berliner Lehrkräfte: 2,3 Millionen Überstunden pro Schuljahr

Besonders drastisch zeigt sich der Konflikt im öffentlichen Dienst. In Berlin verweigert die Senatsbildungsverwaltung eine flächendeckende Erfassung für Lehrkräfte. Eine Studie für das Schuljahr 2023/24 belegt die Belastung: 64 Prozent der Lehrer leisten Mehrarbeit, fast ein Drittel überschreitet die Grenze von 48 Wochenstunden.

Das Überstundenvolumen im Berliner Schuldienst wird auf rund 2,3 Millionen Stunden pro Schuljahr geschätzt – rechnerisch etwa 1.300 Vollzeitstellen. Gewerkschaften fordern Pilotprojekte zur Erfassung, die Verwaltung lehnt ab. Parallel prüfen Initiativen Volksbegehren für bessere Personalausstattung und kleinere Klassen.

Korrekte Dokumentation ist auch eine Geldfrage

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Überstunden müssen vom Arbeitgeber angeordnet, gebilligt oder geduldet werden, um rechtlich haltbar zu sein. Viele Arbeitsverträge enthalten Ausschlussfristen von meist drei Monaten. Pauschale Abgeltungsklauseln sind nur wirksam, wenn sie eine konkrete Obergrenze definieren – etwa zehn Prozent Mehrarbeit.

Für Gehälter oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze von 8.450 Euro brutto monatlich besteht in der Regel kein automatischer Anspruch auf Überstundenvergütung.

Ein weiteres Problem: Rund 13 Prozent der Beschäftigten geben an, ihre Arbeitszeit regelmäßig nicht korrekt zu dokumentieren. Eine deutliche Mehrheit erledigt während der Arbeitszeit gelegentlich private Angelegenheiten. Branchenexperten warnen vor erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden durch ungenaue Zeitwirtschaft und potenziellen Arbeitszeitbetrug.

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