Beckenschmerzen in der Schwangerschaft: Muskeln statt lockere Gelenke als Ursache
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 03:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deRückenschmerzen und Beschwerden im Beckenbereich gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft. Während in der Vergangenheit oft eine rein hormonell bedingte Überbeweglichkeit der Gelenke als Auslöser vermutet wurde, zeichnet die physiotherapeutische Forschung ein differenzierteres Bild. Schmerzen im Beckenring gehen demnach vor allem auf veränderte muskuläre Aktivierungsmuster zurück.
Muskuläre Steuerung statt lockerer Gelenke als Ursache
Fachleute wie der Physiotherapeut Peter O'Sullivan betonen, dass Schmerzen im Beckenring (Pelvic Girdle Pain) primär durch eine gestörte Muskelaktivität ausgelöst werden und nicht durch eine mechanische Instabilität der Iliosakralgelenke.
Diese Gelenke weisen ohnehin nur eine minimale Beweglichkeit von etwa 2,5 Grad auf. Die Schmerzen entstehen demzufolge entweder durch eine unzureichende oder eine übermäßige aktive Stabilisierung durch die Muskulatur.
Bemerkenswert ist zudem, welche Faktoren laut O'Sullivan keine ursächliche Rolle spielen: Es besteht kein nachweisbarer Zusammenhang mit dem Hormon Relaxin, der früheren Einnahme der Antibabypille, der Körpergröße, dem Körpergewicht, dem Rauchen oder dem Alter der Schwangeren.
Auch im schwedischen Gesundheitssystem, das Beckenschmerzen in der Schwangerschaft unter dem Begriff Foglossning führt, wird klargestellt, dass sich die Gelenke zwar lockern, aber keineswegs lösen. Nach Angaben des schwedischen Informationsdienstes 1177.se stellen die Schmerzen weder für die Mutter noch für das ungeborene Kind eine Gefahr dar.
Typische Schmerzpunkte sind der untere Rücken, das Gesäß, die Oberschenkelrückseite, die Hüften sowie der Bereich von Schambein und Leiste. Als Risikofaktoren gelten vor allem frühere Verletzungen des Beckens sowie häufiges schweres Heben.
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Häufigkeit und Prognose nach der Entbindung
Die Verbreitung dieser Beschwerden ist hoch. Einer Untersuchung von Wu et al. aus dem Jahr 2004 zufolge klagen rund 45 Prozent der Schwangeren sowie 25 Prozent der Frauen nach der Entbindung über Beschwerden im Becken- oder Lendenwirbelsäulenbereich. Über schwere Schmerzen berichten während der Schwangerschaft etwa 25 Prozent und nach der Entbindung noch rund 7 Prozent der Betroffenen.
In den meisten Fällen klingen die Beschwerden nach der Geburt wieder ab. Nach Angaben von 1177.se tritt eine spürbare Besserung zumeist nach etwa drei Monaten ein, da die erhöhte Belastung von Becken und Rücken nachlässt.
Bleiben Beschwerden nach dieser Zeitspanne bestehen, wird empfohlen, physiotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Diese positive Tendenz spiegelt sich auch in den Verlaufsdaten von O'Sullivan wider: Schwere Rückenschmerzen sinken 23 Wochen nach der Geburt auf 7 Prozent, während leichte bis mittlere Schmerzen nach sechs Monaten nur noch bei 2 Prozent der Frauen auftreten.
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Bewegung und therapeutische Behandlungsansätze
Für die Behandlung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Liddle und Pennick aus dem Jahr 2015, die 34 randomisierte Studien mit insgesamt 5.121 Schwangeren umfasste, untersuchte diverse Maßnahmen. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass gezielte Bewegung während der Schwangerschaft Lendenrückenschmerzen reduzieren kann, wenngleich die Evidenzqualität als niedrig bis mäßig eingestuft wurde.
In Bezug auf spezifische Interventionen verwies O'Sullivan auf Belege, wonach Akupunktur und lokale Injektionen – untersucht in Taiwan – die höchste Wirksamkeit aufwiesen. Als etablierte konservative Alternativen gelten zudem gezielte physiotherapeutische Übungen, Massagen sowie das Tragen von Stützgürteln zur temporären Entlastung des Beckengürtels.
