BC200 im Pockenvirus: Zwei Elemente belegen Sprünge aus menschlichem Erbgut
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 22:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschende der Cornell University haben neue Details über das menschliche Gen BC200 aufgedeckt. Das Gen wird vorwiegend in Nervenzellen gebildet und besitzt die Eigenschaft, sich innerhalb des Erbguts fortzubewegen sowie sich an neuen Stellen wieder einzufügen.
Wie das Team in einer am 24. September 2026 im Fachjournal Science (Band 393, Ausgabe 6818, Seite 1342, DOI 10.1126/science.aeh3441) veröffentlichten Untersuchung darlegt, handelt es sich um den ersten belegten Fall eines funktionellen menschlichen Gens, das eine biologische Rolle einnimmt und zugleich mobil geblieben ist.
Evolutionärer Ursprung und neuronale Aktivität
Das Gen BC200 stammt von einem sogenannten Transposon ab. Etwa die Hälfte des menschlichen Genoms setzt sich aus derartiger Transposon-DNA zusammen, wobei die allermeisten dieser Elemente im Laufe der Evolution inaktiviert wurden.
Nach Angaben der Cornell University entstand BC200 vor etwa 40 Millionen Jahren aus einem Retrotransposon im Erbgut des gemeinsamen Vorfahren der Anthropoiden-Primaten. Die Sequenz kommt ausschließlich bei Menschen sowie eng verwandten Primaten vor und wurde bereits Ende der 1980er Jahre als häufige nicht-kodierende RNA in menschlichen Neuronen entdeckt.
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Die genaue physiologische Aufgabe des Gens ist bislang unklar, wenngleich Hinweise darauf vorliegen, dass es die Übersetzung neuronaler Boten-RNA in Proteine reguliert. Neben der Expression im Nervensystem lässt sich BC200 in geringen Mengen auch in Keimzellen wie Spermien und Eizellen nachweisen.
Dieser Umstand ermöglicht vererbbare Neuinsertionen, weshalb entsprechende Integrationsspuren sowohl in der menschlichen Keimbahn als auch in den Genomen sämtlicher Anthropoiden-Primaten nachweisbar sind.
Nachweis im Molluscum-contagiosum-Virus
Auf die Spur der anhaltenden Mobilität kamen die Forschenden durch die Analyse von menschlichem Erbmaterial im Molluscum-contagiosum-Virus (MCV), einem humanpathogenen Pockenvirus.
Im Genom dieses Erregers wurden zwei BC200-ähnliche Elemente identifiziert, die nach Einschätzung der Wissenschaftler auf zwei unabhängige Sprungereignisse zurückgehen. Dies markiert die erste dokumentierte natürliche Integration eines Retrotransposons in ein menschliches Virus. Bereits im Jahr 2010 hatte Cheng Sun das Element im MCV nachgewiesen, den Befund seinerzeit jedoch nicht veröffentlicht.
Schätzungen der Arbeitsgruppe zufolge nahm das Virus das genetische Material vor etwa 100.000 Jahren auf. Da Hautzellen die einzigen bekannten Zellen sind, die vom MCV infiziert werden, vermutet das Forschungsteam, dass BC200 auch in dieser Zellart springt.
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Ähnliche Übertragungen von mobilen Elementen auf Viren wurden in der Vergangenheit nur selten dokumentiert: Ende der 1980er Jahre wurde ein Transposon in einem Baculovirus von Insekten gefunden, im Jahr 2007 folgte ein Nachweis in einem Nagetier-Pockenvirus.
Relevanz für Onkologie und neurodegenerative Prozesse
Die Entdeckung wirft grundlegende Fragen zur Krankheitsentstehung auf. Laut einem Bericht der New York Times könnte das MCV die Sequenz nutzen, um menschliche Wirte zu infizieren. Senior-Autor Professor Cedric Feschotte und sein Team wollen nun analysieren, ob das Virus BC200 tatsächlich zur gezielten Manipulation menschlicher Wirtszellen einsetzt.
Darüber hinaus steht die medizinische Bedeutung des Gens im Fokus weiterer Forschungsarbeiten. BC200 liegt im Gehirn von Alzheimer-Patienten überexprimiert vor und zeigt in bestimmten Tumoren abnormale Expressionsmuster. Die Forschenden der Cornell University untersuchen daher, ob die Beweglichkeit des Gens Mutationen bei Brustkrebs begünstigt und ob seine Mobilität allgemein zur Entstehung von Krebs oder neurodegenerativen Erkrankungen beiträgt.
