Bauchfett-Verteilung: Präziserer Indikator als BMI für Herzrisiko
Veröffentlicht am: 11.08.2026 um 16:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der medizinischen Diagnostik rückt die Verteilung des Körperfetts zunehmend in den Fokus der Risikobewertung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aktuelle Analysen und wissenschaftliche Publikationen deuten darauf hin, dass die isolierte Betrachtung des Body-Mass-Index (BMI) unzureichend ist, um die tatsächliche kardiovaskuläre Gefährdung eines Individuums abzubilden. Insbesondere die Fettansammlung in der Bauchregion erweist sich als präziserer Prädiktor für gesundheitliche Komplikationen.
Die Limitationen des BMI in der Risikobewertung
Eine Analyse von 15 Kohortenstudien, an denen überwiegend Frauen teilnahmen, verdeutlicht die Problematik der bisherigen Standards. Den Ergebnissen zufolge erhöht ein normaler BMI in Kombination mit einem hohen Anteil an Bauchfett das kardiovaskuläre Risiko signifikant. Umgekehrt neigt das klassische Messverfahren bei Personen mit einem hohen BMI, aber einer schlanken Taille dazu, das tatsächliche Risiko zu überschätzen.
Diese Beobachtung wird durch eine Meta-Analyse von 25 Studien mit insgesamt 32.000 Probanden gestützt. Fachleute weisen darauf hin, dass ein BMI über 30 zwar eine hohe Spezifität von 90 % aufweist, die Sensitivität jedoch lediglich bei 42 % bis 49 % liegt. Damit wird etwa die Hälfte der Menschen mit überschüssigem Körperfett durch das Raster des BMI-Modells nicht erfasst. Für asiatische Bevölkerungsgruppen gelten zudem niedrigere Grenzwerte, wobei Übergewicht bereits ab einem Wert von 23 und Adipositas ab 27,5 definiert wird.
Langzeitfolgen und geschlechtsspezifische Unterschiede
Umfangreiche Daten einer weiteren Untersuchung mit über 102.000 Erwachsenen mit präklinischer Adipositas und rund 183.000 Teilnehmenden mit klinischer Adipositas belegen die langfristigen Auswirkungen. Über einen Beobachtungszeitraum von 12 Jahren zeigte sich, dass Männer mit klinischer Adipositas eine fast doppelt so hohe Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Bei Frauen lag dieser Wert sogar um das 2,5-Fache höher. Auch im Stadium der präklinischen Adipositas wurden erhöhte Raten festgestellt: 38 % bei Frauen und 18 % bei Männern.
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Aufgrund dieser Datenlage empfiehlt die Lancet-Kommission eine klare Unterscheidung zwischen präklinischen und klinischen Stadien der Adipositas. Während Organisationen wie die Endocrine Society und die Obesity Medicine Association diesbezüglich Bedenken äußern, raten Mediziner verstärkt dazu, den Taillenumfang sowie das Taille-Hüft-Verhältnis als notwendige Ergänzung zum BMI heranzuziehen.
Innovative diagnostische Ansätze und genetische Faktoren
Die Forschung nutzt zunehmend präzisere Instrumente zur Risikoklassifizierung. Eine Studie der UK Biobank, die MRT-Daten von 55.768 Personen auswertete, führte einen neuen Index für sarkopenische Adipositas ein. Dieser Index soll Herzinsuffizienz, kardiovaskulären Tod und die Gesamtmortalität verlässlicher vorhersagen als herkömmliche Maße. Ein Anstieg um eine Standardabweichung (1 SD) korrelierte in der Untersuchung mit einem um 31 % höheren Risiko für Herzinsuffizienz (HR 1,31), einem um 51 % gesteigerten Risiko für kardiovaskulären Tod (HR 1,51) und einer um 37 % erhöhten Gesamtmortalität (HR 1,37).
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Neben der physischen Vermessung betonen Mediziner die Bedeutung spezifischer Biomarker. Viszerales Fett und zentrale Adipositas sollten in Verbindung mit Werten wie HbA1c, LDL-C, Triglyceriden sowie Apolipoprotein B (ApoB) betrachtet werden, um eine personalisierte Risikoeinstufung zu ermöglichen.
Ergänzend dazu liefern genetische Untersuchungen neue Erkenntnisse. Eine im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie analysierte über eine Million Genome und identifizierte eine Mutation im FNIP1-Gen, die bei etwa einem von 7.000 Menschen auftritt. Träger dieser Mutation verfügen über mehr Muskelmasse, weniger Bauchfett und einen niedrigeren Blutzuckerspiegel. Ihr Risiko für kardiovaskuläre Stoffwechselerkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt ist um 60 % reduziert. Obwohl dies ein potenzielles Ziel für künftige medikamentöse Therapien darstellt, warnen Forscher, dass ein vollständiger Ausfall des Gens schwere Herzerkrankungen auslösen kann.
