Barrierefreiheit: Weniger als 2% der 37 Millionen Wohnungen zugänglich
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 17:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vier Stufen vor der Wohnungstür, zu schmale Türrahmen, kaum Hilfe auf einer zwölfstündigen Zugfahrt: Für Annemarie Munk aus Weimar und ihren schwerbehinderten Sohn Phillipp, der nach einem Geburtsstillstand mit Hirnschaden zur Welt kam, gehören solche Hindernisse zum Alltag.
Munk betont dabei, keine Sonderbehandlung zu fordern – sondern schlicht Zugänge, die für andere selbstverständlich sind. Ihre Erfahrung steht exemplarisch für ein Problem, das sich durch nahezu alle Lebensbereiche zieht: Wohnen, Mobilität, öffentliche Räume.
Bahnverkehr als Dauerbaustelle
Wie belastend fehlende Barrierefreiheit im Zugverkehr sein kann, zeigt der Fall von Ursula Sterk. Die Rollstuhlfahrerin erlebte eine Fahrt auf der Bodenseegürtelbahn als Odyssee aus Verspätungen, fehlenden Rampen und Hubliftern, die ohne fachkundige Bedienung blieben. Im Sommer 2026 waren auf der Strecke zahlreiche Züge unpünktlich oder fielen ganz aus – für Pendler mit Mobilitätseinschränkung eine besondere Zusatzbelastung.
Auch am Bahnhof Bad Honnef-Rhöndorf zeigt sich, wie zäh sich Fortschritte gestalten. Laut einem Bericht vom 17. September 2026 kann der barrierefreie Ausbau während der laufenden Generalsanierung der rechten Rheinstrecke nicht abgeschlossen werden; die Deutsche Bahn verweist auf fehlende Kapazitäten und Fachkräftemangel.
Geplant waren eine Personenunterführung und zwei Aufzüge, die laut einem weiteren Bericht vom 18. September 2026 nicht bis zum Ende der Sperrpause am 12. Dezember 2026 fertiggestellt werden können. Eine Übergangslösung mit Shuttleverkehr lehnt die Bahn ab.
Der Protest um den Bahnhof reicht weit zurück: Er begann bereits 2010, eine Petition mit 174 Namen folgte 2011, und 2017 wurde das Vorhaben in die Modernisierungsoffensive 3 aufgenommen. Für den 12. Oktober 2026 ist eine Demonstration gegen das Aus des barrierefreien Ausbaus geplant, während Ministerpräsident Hendrik Wüst am 10. Oktober 2026 im Kurhaus erwartet wird.
Positivere Signale kommen aus Mainz, wo bei einem Aktionstag für barrierefreie Mobilität am Gutenbergplatz die Verkehrsdezernentin Janina Steinkrüger und der Geschäftsführer der Mainzer Mobilität, Florian Wiesemann, Fortschritte bei Bussen und Straßenbahnen präsentierten. Vollständige Barrierefreiheit bleibe jedoch eine Herausforderung.
Auch in Hanau hat der Magistrat einer Beschlussvorlage zum barrierefreien Ausbau von zehn Bushaltestellen zugestimmt – Kosten rund 1,08 Millionen Euro, vorbehaltlich eines Förderbescheids des Landes Hessen. Von 359 Haltestellenpositionen sind derzeit 266 barrierefrei, nach dem Ausbau sollen es 276 sein.
Kinder und Schulverkehr betroffen
Auch jüngere Betroffene bleiben nicht verschont: In Oberhausen werden zum Start des neuen Schuljahres einige Kinder mit Behinderung der Schillerschule nicht mehr zur Schule gebracht, weil die Stadt Anträge zum Spezialverkehr abgelehnt oder noch nicht bearbeitet hat. Eltern warten weiterhin auf eine Zusage.
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Wohnraum bleibt knapp
Die Bauministerkonferenz am 10. und 11. September 2026 in Berlin brachte Forderungen von Behindertenbeauftragten aus Bund und Ländern hervor: Barrierefreiheit solle als Schutzziel in die Musterbauordnung aufgenommen werden, zudem mehr rollstuhlgerechter Wohnraum nach dem R-Standard DIN 18040-2 sowie eine Erfassung in einem Gebäuderegister. Ein neuer Rechtsanspruch für Mieter ist bislang nicht vorgesehen.
Die Dimension des Problems verdeutlichen Zahlen: Weniger als zwei Prozent der rund 37 Millionen Wohnungen in Deutschland sind barrierefrei. Das Institut der deutschen Wirtschaft bezifferte die Lücke bereits 2023 auf mindestens 2,1 Millionen Wohnungen, bis 2040 auf mindestens 3,2 Millionen. Dabei zeigt eine Untersuchung von Terragon und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund, dass früh eingeplante Barrierefreiheit die Baukosten nur um rund ein Prozent erhöht.
Initiativen versuchen, dem entgegenzuwirken: Das Blindenhilfswerk Berlin hält derzeit 60 Wohnungen vor und plant einen Neubau mit inklusivem Ansatz; die Kosten bewegen sich laut dem Vorsitzenden Schultz-Ewert im mittleren zweistelligen Millionenbereich, ein Architektenwettbewerb ist noch für 2026 vorgesehen.
Zu den Bewohnerinnen des Blindenhilfswerks zählt Johanna Krins, die seit 2022 dort mit ihrem Blindenhund Aris lebt und hauptberuflich als Autorin für Audiodeskription arbeitet.
In Köln-Ehrenfeld plant der Verein „Insgesamt“ nach dem Prinzip „Wohnen für Hilfe“ ein Gebäude mit 15 Wohnungen für acht Bewohner mit und sieben ohne Behinderung samt Gemeinschaftsraum; die Fertigstellung wird in drei bis fünf Jahren erwartet, benötigt werden rund 500.000 Euro an Eigenkapital und Spenden.
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Alltag mit fortschreitender Erkrankung
Nicht nur bauliche Hürden, auch der Umgang mit fortschreitenden Erkrankungen prägt den Alltag Betroffener. Alejandro León und Linda Meschke aus Dresden leben mit Retinitis pigmentosa, einer Erkrankung, bei der sich das Gesichtsfeld zunehmend verengt.
Bei León wurde die Diagnose bereits im Alter von fünf Jahren bei einer Schuluntersuchung gestellt. Ein Verein unterstützt beide im Alltag, kann ihnen die grundsätzliche Last der Erkrankung jedoch nicht abnehmen.
Medien und Infrastruktur ziehen nach
Fortschritte lassen sich auch im Medienbereich beobachten: Der MDR stellte bei seinem 14. Jahrestreffen mit Behindertenverbänden in Leipzig Ergebnisse seines Aktionsplans vor.
Die Untertitelung des Fernsehprogramms lag im ersten Halbjahr 2026 bei 99,4 Prozent, verglichen mit 93,6 Prozent im Jahr 2022. Der Anteil der Audiodeskription stieg auf rund 30 Prozent, nach 17,6 Prozent im Jahr 2022. Im Jahr 2025 wurden über 45.400 Sendeminuten mit Gebärdensprache produziert, im ersten Halbjahr 2026 bereits mehr als 25.100 Minuten.
Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 kam erstmals eine KI-gestützte Übersetzung von Online-Inhalten in Leichte Sprache zum Einsatz. Der Aktionsplan des Senders läuft bis 2028.
Dass fehlende Barrierefreiheit auch außerhalb Deutschlands ein Thema ist, zeigt ein Projekt in Bitola: Im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche und der Initiative „Smart CityZen“, die 2024 startete, kartierten Grundschüler, Gymnasiasten und Studierende mit einer App Hindernisse auf Gehwegen – relevant für Rollstuhl-, Kinderwagen-, Rad- und Rollernutzer. Bürgermeister Toni Konjanovski verwies darauf, dass die Stadt erstmals fünf Kilometer Radwege habe, weitere Trassen seien in Arbeit.
Auch Reiseangebote stehen auf dem Prüfstand: Für das Kreuzfahrtschiff Vasco da Gama der Reederei nicko cruises gibt die Reederei selbst an, das 1993 gebaute Schiff sei nicht barrierefrei, verfüge aber über sechs barrierefreie Kabinen mit 90 Zentimeter breiten Türen, Duschhockern, Haltegriffen und Notfalltelefon.
Ein Test im September 2026 über acht Tage mit Rollstuhl und Krücken ergab, dass fest verbaute Rampen und Aufzüge zwar schnell verfügbar waren, jedoch ein Poollifter fehlte und obere Außendecks nur über Treppen erreichbar sind. Mobilitätseinschränkungen müssen vor der Buchung gemeldet werden, bei besonderem Hilfebedarf ist eine Begleitperson verpflichtend.
Wie stark Umweltbedingungen die Mobilität älterer Menschen zusätzlich einschränken können, verdeutlicht eine Untersuchung mit dem Titel „Ageing in the Arctic“ aus Bodø in Norwegen: Winter und Glatteis schränkten die Mobilität älterer Menschen erheblich ein, soziale Isolation sei häufig die Folge.
Die Studie schildert den Fall der damals ältesten Stadträtin Norwegens, Agnete Tjærandsen, die während einer strengen Kälteperiode vier Wochen lang ihr Haus nicht verließ. Die Stadtplanung unterschätze demnach vielerorts winterliche Bedingungen – ein Befund, der sich auf viele der hier geschilderten Alltagshürden übertragen lässt: Barrierefreiheit wird oft erst dann zum Thema, wenn sie fehlt.
