Bald’s Leechbook: Mittelalterliche Augenrezeptur bremst Antibiotikaresistenzen
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deAngesichts wachsender Resistenzen gegen gängige Antibiotika richtet sich der Blick von Forschenden zunehmend auf historische Heilrezepturen. Eine im September in der Fachzeitschrift mSphere berichtete Studie hat eine im angelsächsischen Medizinbuch „Bald's Leechbook“ aus dem 10. Jahrhundert überlieferte Augenrezeptur im Labor untersucht – mit bemerkenswerten Ergebnissen.
Eine neun Tage alte Mischung mit Wirkung
Die Rezeptur besteht aus Knoblauch, Zwiebel beziehungsweise Porree, Rindergalle und Wein und wird traditionell neun Tage lang in einem Messinggefäß angesetzt.
In Bakterienkulturen schädigte die Mischung laut den Forschenden Zellmembranen, veränderte krankheitsfördernde Genexpression und hemmte sowohl Biofilme als auch die bakterielle Kommunikation untereinander – Mechanismen, die für die Fähigkeit von Bakterien, sich gegen Behandlungen zu wehren, zentral sind. Wie ein Bericht von issues.fr Ende September zusammenfasste, wurden die Ergebnisse am 3. September in mSphere vorgestellt.
Besonders aufschlussreich ist ein Vergleich zur Resistenzentwicklung: In Tests mit drei verschiedenen Erregern über einen Zeitraum von zwei Wochen entwickelte sich Resistenz gegen die historische Rezeptur deutlich langsamer als gegen herkömmliche Einzelwirkstoff-Antibiotika.
Während Bakterien gegenüber klassischen Antibiotika oft das 8- bis 16-Fache der anfänglich wachstumshemmenden Dosis tolerierten, stiegen die notwendigen Konzentrationen der Rezeptur nur geringfügig an, wie ein Bericht von rts.rs Ende September darlegte.
Keine Empfehlung zur Selbstbehandlung
Die Rezeptur wurde ursprünglich auf entzündete Augen aufgetragen. Die Forschenden sehen darin laut einem Bericht von derstandard.at vom 1. Oktober mögliche Ansatzpunkte für eine künftig standardisierte Wirkstoffmischung. Ausdrücklich betonen sie jedoch, dass es sich um Grundlagenforschung handelt und keine Empfehlung zur Selbstbehandlung mit der historischen Rezeptur besteht.
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Mehrstoff-Ansätze als Strategie gegen Resistenzen
Der Befund fügt sich in einen Forschungstrend, der Kombinationen mehrerer Wirkstoffe statt isolierter Einzelsubstanzen in den Blick nimmt. Die Vermutung dahinter: Bakterien fällt es schwerer, gleichzeitig Resistenzen gegen mehrere unterschiedlich wirkende Komponenten zu entwickeln, als gegen einen einzelnen Angriffspunkt.
Genau diesen Mechanismus scheint die mittelalterliche Rezeptur mit ihrer Kombination aus Knoblauch, Zwiebel oder Porree, Rindergalle und Wein zu nutzen – auch wenn die genauen Wechselwirkungen der Einzelbestandteile im Detail noch nicht vollständig aufgeklärt sind.
Einordnung in die Resistenzproblematik
Der Hintergrund, vor dem solche Funde an Bedeutung gewinnen, ist gravierend: Laut einer Auswertung von GRAM/Lancet verursachten resistente bakterielle Infektionen im Jahr 2021 direkt 1,14 Millionen Todesfälle weltweit und standen mit 4,71 Millionen Todesfällen in Verbindung.
Für das Jahr 2050 werden laut dieser Auswertung 1,91 Millionen direkte Todesfälle jährlich erwartet, insgesamt über 39 Millionen Todesfälle im Zeitraum von 2025 bis 2050.
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Vor diesem Hintergrund erscheint die Untersuchung historischer Rezepturen nicht als romantisierende Rückbesinnung, sondern als ernstzunehmender Teil der Suche nach neuen Strategien gegen multiresistente Erreger.
Ob aus der Bald's-Leechbook-Rezeptur tatsächlich einmal eine standardisierte, klinisch einsetzbare Wirkstoffmischung entsteht, bleibt jedoch offen – bis dahin liegt der Wert der Studie vor allem darin, grundlegende Wirkmechanismen gegen Bakterien besser zu verstehen, die auch in modernen Kombinationstherapien eine Rolle spielen könnten.
