Autoimmunerkrankungen: Frauen warten oft ein bis zwei Jahre auf Diagnose
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Frauen mit chronischen Leiden sind im Gesundheitssystem überdurchschnittlich oft von falschen Einschätzungen und Verzögerungen betroffen. Eine wissenschaftliche Untersuchung der University of Cambridge und der University of East Anglia, die im Fachjournal eClinicalMedicine erschien, verdeutlicht das Ausmaß dieses Ungleichgewichts bei Autoimmunerkrankungen.
An der Erhebung nahmen 6.607 Betroffene teil, bei denen es sich mehrheitlich um Frauen handelte und von denen der Großteil aus Großbritannien stammte.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Bei 43 Prozent der befragten Patientinnen gaben die Betroffenen an, dass ihre Symptome zunächst einer psychiatrischen Ursache zugeschrieben worden seien. Bei den männlichen Teilnehmern lag dieser Anteil bei 33 Prozent. Zudem berichteten 34 Prozent der Frauen von einer psychosomatischen Fehldiagnose, während dies bei den Männern auf 22 Prozent zutraf.
Signifikante Unterschiede nach statistischer Bereinigung
Nach einer statistischen Adjustierung für Faktoren wie das Alter, die Krankheitsgruppe, den Kontinent sowie die finanziellen Verhältnisse des Haushalts ergab sich ein noch schärferes Bild: Frauen erhielten demnach fast 50 Prozent häufiger eine psychiatrische Fehldiagnose als Männer.
Die Wahrscheinlichkeit einer psychosomatischen Fehldiagnose lag bei den Patientinnen fast 75 Prozent höher, wobei Symptome besonders oft auf Stress oder Angst zurückgeführt wurden.
Umgekehrt verlief das Muster bei Verwechslungen mit anderen somatischen Leiden: Eine Fehldiagnose als andere körperliche Krankheit betraf 48 Prozent der Männer, aber nur 44 Prozent der Frauen.
Jahre des Wartens auf Klarheit
Die Fehleinschätzungen wirken sich unmittelbar auf die Dauer bis zur korrekten Erkennung der Krankheit aus. Die am häufigsten genannte Zeitspanne bis zur Diagnose lag bei Männern bei unter drei Monaten. Frauen hingegen mussten typischerweise ein bis zwei Jahre auf ein gesichertes Ergebnis warten, was mit einer höheren Zahl von Arztterminen einherging.
Eine aktuelle Erhebung unter mehr als 6.600 Betroffenen zeigt: Frauen warten bei Autoimmunerkrankungen typischerweise ein bis zwei Jahre auf ihre Diagnose — und ihre Symptome werden fast 75 Prozent häufiger als psychosomatisch eingeordnet als bei Männern. Wer diesen Weg abkürzen will, braucht vorbereitete Arzttermine, ein sauber geführtes Symptom-Tagebuch und die richtigen Anlaufstellen. Kostenlosen Leitfaden zur Autoimmun-Diagnose anfordern
Melanie Sloan von den beteiligten Universitäten verwies darauf, dass Patienten mit Autoimmunerkrankungen anfangs Beschwerden zeigen können, die medizinisch schwer erklärbar sind. Daher könne es Monate oder Jahre dauern, bis ein eindeutiges Krankheitsbild hervortrete.
In der Kohorte der Untersuchung hatte fast ein Viertel der Frauen eine Schilddrüsenerkrankung wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow, während etwa jede siebte Frau an systemischem Lupus litt. Bei den Männern traten rheumatoide Arthritis, Vaskulitis und das Antiphospholipid-Syndrom am häufigsten auf.
Eine frühere Veröffentlichung im Magazin The Lancet auf Grundlage von 22 Millionen Gesundheitsakten bezifferte die Verbreitung von Autoimmunerkrankungen auf jeden zehnten Briten, mit einer Quote von 13 Prozent bei Frauen gegenüber 7 Prozent bei Männern.
Breitere Untersuchungen bestätigen Erfahrungen
Erfahrungen mit Bagatellisierungen und langwierigen Diagnosewegen beschränken sich nicht allein auf diesen Fachbereich. Eine Umfrage von Kieskompas unter mehr als 14.000 Frauen ergab, dass sich zwei von drei Befragten im Kontakt mit Fachkräften des Gesundheitssystems schon einmal nicht gehört fühlten.
Wenn die Krankheitsphase länger dauert, sinkt bei mehr als der Hälfte der Betroffenen das Einkommen — ein stiller zweiter Verlust, über den kaum jemand spricht. Dieser Leitfaden hilft Ihnen, Ihre Befunde zu ordnen, Termine bei Fachärzten und Zentren gezielt zu setzen und den finanziellen Druck früh mitzudenken. Wegweiser für Ihren Diagnoseweg jetzt sichern
Auch eine Befragung der Stiftung Voices for Women unter 5.000 Frauen mit unklaren Beschwerden zeigte, dass eine Mehrheit von verharmlosten Symptomen berichtete.
Erhebungen der Organisationen Nivel und Ditto Care im Auftrag von ZonMw beschreiben den Weg zur Diagnose überwiegend als mühsame, einsame Suche. Dokumentiert wurde unter anderem der Fall einer Frau, die über zehn Jahre auf die Diagnose einer vorzeitigen Menopause wartete und in der Zwischenzeit über Jahre Antipsychotika sowie das Etikett einer bipolaren Störung erhalten hatte. Bei mehr als der Hälfte der in dieser Untersuchung Befragten ging die Krankheitsphase zudem mit einem sinkenden Einkommen einher.
