Ausbildung, Schwerbehinderung

Ausbildung mit Schwerbehinderung: 50,6 Prozent der Azubis psychisch belastet

Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ausbildungszahlen, Beschäftigungsquoten und psychische Belastungen zeigen fortbestehende Hindernisse; regionale Projekte fördern Begegnungen mit Betrieben.

Schwerbehinderte Jugendliche: Hürden beim Berufseinstieg bleiben hoch
Ein helles, modern gestaltetes Bürogebäude mit einer minimalistischen Holztreppe und großen Fenstern mit Blick ins Grüne. Illustration mit AI erstellt.

Der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt stellt für junge Menschen mit Schwerbehinderung weiterhin eine signifikante Hürde dar. Ein aktuelles Beispiel aus Nordrhein-Westfalen verdeutlicht diese Entwicklung: Die 22-jährige Mia konnte im Sommer 2026 eine duale Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton in einem mittelständischen Unternehmen beginnen.

Diesem Erfolg gingen rund 60 Bewerbungen und entsprechende Absagen voraus. Finanziert wird die notwendige behinderungsbedingte Anleitung und Begleitung im Betrieb durch das Budget für Ausbildung nach § 61a SGB IX.

Strukturelle Rahmenbedingungen in der Ausbildung

Trotz solcher individuellen Erfolge zeigen statistische Erhebungen, dass inklusive Ausbildungsmodelle im Vergleich zu spezialisierten Strukturen noch immer eine untergeordnete Rolle spielen.

Laut dem Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für das Jahr 2024 entfielen lediglich rund 6.036 Ausbildungsverträge auf spezifische Berufe für Menschen mit Behinderung nach § 66 BBiG und § 42r HwO. Dies entsprach einem Anteil von etwa 1,2 % aller Neuverträge.

Eine Analyse des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) verdeutlicht zudem, dass ein Großteil der betroffenen Jugendlichen weiterhin überwiegend in Sondereinrichtungen und speziellen Strukturen ausgebildet wird.

Im Hinblick auf die allgemeine Beschäftigungsquote besteht ebenfalls eine Differenz zu den gesetzlichen Vorgaben. Der Fortschrittsbericht 2024 zur Nachhaltigkeitsstrategie Hessen weist für das Jahr 2022 eine Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen von 4,8 % aus. Während öffentliche Arbeitgeber mit 7,0 % über der gesetzlich vorgeschriebenen Quote von 5 % lagen, erreichte die Privatwirtschaft lediglich 4,3 %.

Initiativen zur Förderung des Marktzugangs

Um die Barrieren zwischen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM) und dem allgemeinen Arbeitsmarkt abzubauen, werden verschiedene Austauschformate genutzt. Am 24. September 2026 beteiligten sich zahlreiche Institutionen bundesweit am Aktionstag „Schichtwechsel“.

In Darmstadt besuchten 41 Teilnehmer aus 14 Unternehmen und sieben Institutionen die Darmstädter Werkstätten und Wohneinrichtungen (EDW), um Hospitationen und betriebsintegrierte Arbeitsplätze zu vereinbaren.

Ähnliche Kooperationen zeigten sich in anderen Regionen. Bei den Westpfalz-Werkstätten in Landstuhl hospitierte eine Edeka-Inhaberin in der Einrichtung, während Werkstattbeschäftigte Einsätze bei Unternehmen wie Ikea oder Wipotec absolvierten. In Dillingen waren Beschäftigte der Nordschwäbischen Werkstätten unter anderem bei BSH Hausgeräte und im Kreisklinikum tätig.

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Auch politische Entscheidungsträger, darunter die Bürgermeister von Horn-Bad Meinberg und Lage, tauschten im Rahmen des Projekts eeWerk ihre Arbeitsplätze mit Werkstattbeschäftigten. Solche Initiativen zielen darauf ab, Vorurteile abzubauen und Übergänge in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu forcieren.

Ein Beispiel für eine solche dauerhafte Auslagerung ist Daniel Alter, der nach Jahren in einer Werkstatt seit gut einem Jahr als Hausmeister in einem Ingolstädter Caritas-Zentrum tätig ist, dabei jedoch formal bei der Lebenshilfe angestellt bleibt, um den Anspruch auf unterstützende Sozialleistungen nicht zu verlieren.

Mentale Gesundheit als wachsende Herausforderung

Ein wesentlicher Aspekt der beruflichen Teilhabe ist die psychische Stabilität am Arbeitsplatz. Der DGB-Jugend Ausbildungsreport 2026, für den zwischen Mai 2025 und April 2026 insgesamt 13.227 Auszubildende befragt wurden, zeichnet ein kritisches Bild. Demnach berichteten 50,6 % der Befragten von psychischen Belastungen. Die allgemeine Zufriedenheit sank auf 65,7 %, den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebungen.

Die Belastungsfaktoren sind vielfältig:
- 35,4 % der Auszubildenden leisten regelmäßig Überstunden, im Durchschnitt 3,2 Stunden pro Woche.
- 16,3 % müssen häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten.
- 65,3 % gaben an, von ihrer Vergütung weniger gut oder gar nicht eigenständig leben zu können.

Zudem korreliert die psychische Belastung stark mit der Betreuungsqualität. Bei selten verfügbaren Ausbildern stuften sich 36 % der Teilnehmenden als hoch belastet ein. International spiegeln sich diese Tendenzen wider. Daten der NAMI-Erhebung zeigen, dass sich rund 70 % der Vollzeitbeschäftigten gestresst fühlen.

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Die globalen Produktivitätskosten durch Depressionen und Angstzustände werden auf rund 1 Billion US-Dollar jährlich geschätzt. In Österreich ist laut aktuellen Berichten fast jeder vierte Erwachsene im Laufe eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen, wobei seelische Leiden bei den 25- bis 44-Jährigen die häufigste Ursache für lange Krankenstände darstellen.

Als Reaktion auf diese Entwicklung etablieren Unternehmen verstärkt Unterstützungssysteme. Das Unternehmen Dain präsentierte auf einer Fachmesse ein Modell namens „NudgeCare“, das psychologische Beratung mit digitalen Selbstfürsorge-Tools kombiniert.

Auch regionale Kampagnen wie „#WirsindErmöglicher“ im Märkischen Kreis, die im September 2026 startete, versuchen durch die Zusammenarbeit mit Pilotunternehmen wie der ABB AG oder Otto Fuchs KG, junge Menschen ohne Anschlussperspektive gezielt zu unterstützen und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

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