Ausbildung: 85% Azubis trauen KI mehr zu als ihren Ausbildern
26.05.2026 - 16:16:02 | boerse-global.deDer Fachkräftemangel treibt viele Branchen um, gleichzeitig klaffen die Erwartungen der Azubis und die betriebliche Realität immer weiter auseinander. Hohe Abbruchquoten, vor allem in der Pflege, und wachsende psychische Belastungen prägen das Bild.
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KI als Mentor: Große Lücke zwischen Können und Angebot
Künstliche Intelligenz verändert die Ausbildung grundlegend – zumindest in der Theorie. Laut den Ende Mai veröffentlichten „Azubi-Recruiting Trends“ schätzen rund 85 Prozent der Auszubildenden ihre KI-Kompetenzen als gut oder sehr gut ein.
Doch die Betriebe hinken hinterher. Fast die Hälfte von ihnen bietet keinerlei spezifische Lernangebote zu KI. Dabei ist die Akzeptanz der Technologie unter den Nachwuchskräften bemerkenswert: 53 Prozent der Befragten glauben, dass KI-Systeme Ausbildungsinhalte besser erklären könnten als ihre menschlichen Ausbilder. Im Vergleich zu Berufsschullehrern sind sogar 74 Prozent dieser Meinung.
Bildungsexperten sehen das differenziert. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband warnt vor einer Verschärfung der Bildungsungleichheit. Da Schüler KI zunehmend für Hausaufgaben nutzen, forderten Verbandsvertreter Ende Mai neue Formen der Leistungsnachweise.
Die formale Qualifizierung bleibt derweil auf der Strecke. Nur 15 Prozent der Azubis haben bisher an einer spezifischen KI-Weiterbildung teilgenommen.
Pflege in der Krise: Jeder dritte Azubi bricht ab
Parallel zur technologischen Transformation rückt die psychische Gesundheit in den Fokus. 85 Prozent der Ausbilder beobachten, dass die Belastung der Nachwuchskräfte im Vergleich zur Zeit vor Corona deutlich zugenommen hat. Jeder vierte Azubi hat sich bereits wegen psychischer Probleme krankgemeldet.
Besonders dramatisch ist die Lage in der Pflege. Laut Statistischem Bundesamt bricht bundesweit etwa jeder dritte Auszubildende vorzeitig ab. In Brandenburg liegt die Quote sogar bei zwei von fünf. Hauptgründe: Überforderung, sprachliche Barrieren und falsche Vorstellungen vom Berufsalltag. Pflegeschulen versuchen nun, mit verstärkter sozialpädagogischer Unterstützung gegenzusteuern.
Ähnliche Tendenzen zeigen sich bei jungen Medizinern in den Niederlanden. Viele Mitglieder des Verbandes „De Jonge Specialist“ leiden unter der Arbeitslast in Kliniken. Die Flucht aus dem Krankenhausbetrieb hin zu geregelten Arbeitszeiten in der freien Wirtschaft nimmt zu. Die Zahl der angehenden Betriebsärzte stieg dort von 20 im Jahr 2015 auf fast 140 im Jahr 2024.
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Der Fachkräftemangel verschärft die Situation. 2025 konnten 34 Prozent der deutschen Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen. Gleichzeitig erhielten im Frühjahr 2026 nur noch 29 Prozent der Bewerber zwei oder mehr Vertragsangebote – der niedrigste Wert seit über einem Jahrzehnt.
Wohnen und BAföG: Finanzielle Engpässe für Azubis
Die strukturellen Rahmenbedingungen geraten zunehmend unter Druck. In Berlin startete heute das Bewerbungsverfahren für ein neues Wohnprojekt in Lichtenberg. Es bietet 154 bezahlbare Plätze in Wohngemeinschaften für Azubis – Warmmiete: 340 Euro. Ein Großteil der Plätze wird per Losverfahren vergeben.
Politisch sorgt die BAföG-Debatte für Spannungen. Unionsfraktionschef Jens Spahn dämpfte Ende Mai die Erwartungen an eine Erhöhung. Trotz steigender Lebenshaltungskosten werde es absehbar keine Anhebung geben. 2024 bezogen rund 613.000 Menschen BAföG – der niedrigste Stand seit der Jahrtausendwende. Studierendenwerke kritisierten die Haltung scharf, zumal die Wohnkostenpauschale erst zum Wintersemester 2026/27 auf 440 Euro steigen soll.
In Österreich steht die Ausbildungsförderung ebenfalls zur Disposition. Die Initiative „zukunft.lehre.österreich.“ warnte im Mai vor möglichen Kürzungen bei der Basisförderung für Lehrbetriebe. Eine Entscheidung über die künftige Finanzierung wird für den 10. Juni erwartet. Am 8. Juni tritt dort ein neues Modell der „Weiterbildungszeit“ in Kraft, das die bisherige Bildungskarenz ersetzt.
Flexible Arbeitsmodelle als Trumpf im Wettbewerb
Im Kampf um die besten Talente gewinnen weiche Faktoren an Bedeutung. Eine Untersuchung von Randstad und dem ifo-Institut aus dem ersten Quartal zeigt: Flexible Arbeitszeiten sind für 76 Prozent der Unternehmen das wichtigste Recruiting-Instrument. 31 Prozent setzen auf flexible Arbeitsorte.
Kaum genutzt werden hingegen Modelle wie Sabbaticals oder die Vier-Tage-Woche – nur rund zehn Prozent der Betriebe bieten sie an.
Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat eine Reform der Arbeitszeitgesetze angekündigt. Geplant ist die Einführung einer wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit. Zudem sind Steuerentlastungen für niedrige und mittlere Einkommen in Aussicht gestellt – vorausgesetzt, das Wirtschaftswachstum lässt es zu.
Ein weiteres Problem bleibt die Inklusion. Recherchen in Niederösterreich zeigen: Viele landesnahe Betriebe erfüllen die gesetzlichen Quoten für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen nicht. In einigen Fällen liegt die Quote bei null Prozent, während die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe deutlich stärker gestiegen ist als im Durchschnitt.
Was bringt die Zukunft?
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die eingeleiteten Maßnahmen den Abwärtstrend stoppen können. Die hohe KI-Akzeptanz bietet Chancen für effizientere und individuellere Ausbildungsinhalte – erfordert aber massive Investitionen in die digitale Infrastruktur der Betriebe und die Weiterbildung des Ausbildungspersonals.
Für angehende Fachkräfte bleibt die finanzielle Lage angespannt. Wer im August eine schulische Ausbildung beginnt, sollte BAföG-Anträge frühzeitig stellen, um Bearbeitungsstaus zu vermeiden. Der Trend zum „Schlaftourismus“ und zu speziellen Retreats für überlastete Berufstätige unterstreicht das gesellschaftliche Bedürnis nach Regeneration.
In der Wirtschaft setzt sich die Erkenntnis durch: Investitionen in Gesundheit und Weiterbildung sind keine optionalen Kostenfaktoren, sondern eine Notwendigkeit für das langfristige Bestehen am Markt.
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